Einführung zur Korrespondenz von Hans Werner Henze mit Ruth Zechlin
Zur Korrespondenz zwischen Hans Werner Henze (1926–2012) und Ruth Zechlin (1926–2007)
Der überlieferte Briefwechsel zwischen Hans Werner Henze und Ruth Zechlin umfasst 37 postalische Dokumente, von denen 9 von Ruth Zechlin verfasst wurden und 28 von Hans Werner Henze, wobei einer dieser Briefe von Henzes Sekretärin, Helen Grob, in Henzes Auftrag geschrieben wurde.
Der Briefwechsel deckt den Zeitraum 1966 bis 2007 ab.
Die Korrespondenzsprache ist deutsch und die Briefe sind im Zechlin-Nachlass in der Staatsbibliothek zu Berlin und im Henze-Nachlass der Paul-Sacher-Stiftung Basel, im Archiv der Akademie der Künste sowie in Privatbesitz überliefert.
Aus den Briefen Henzes konnten 21 weitere Briefe von Ruth Zechlin erschlossen werden, die bislang als nicht nachweisbar gelten müssen.
Hans Werner Henze bevorzugte bei seiner Korrespondenz die Handschrift, da er persönlich ungern mit der Maschine schrieb, doch ließ er sich seit den 1970er Jahren in seiner Korrespondenz unterstützen, so dass dann auch vermehrt maschinenschriftliche Briefe vorliegen. Erstaunlicherweise sind auch die beiden ersten Briefe der Korrespondenz aus dem Jahr 1966 maschinenschriftlich, was auf einen offiziellen Charakter des Beginns des Austauschs deuten könnte. Gelegentlich wurde die Korrespondenz auch direkt von den Sekretär*innen übernommen, wie hier im Fall des Briefes von Helen Grob vom 18. Juni 1976.
Die Entwicklung von Henzes Handschrift wurde schon mehrfach beschrieben1. In dieser Korrespondenz überwiegt seine recht klare, fast druckschriftartige Handschrift. Er bevorzugt die Kleinschreibung (auch am Satzanfang) mit Ausnahme von Namen und der Anredeworte. Werktitel werden in Anführungszeichen gesetzt, können aber auch in Großbuchstaben hervorgehoben sein. Ab den späten 90er Jahre wechselt Henze wieder zur ‚normalen‘ Groß- und Kleinschreibung.
Die bislang von Ruth Zechlin nachgewiesenen Briefe an Henze sind ausschließlich handschriftlich verfasst. Ihre Handschrift ist recht charakteristisch, eher rund und gelegentlich etwas ’verschlungen’, aber immer gut lesbar. Wegen der Ähnlichkeit von „n“ und „u“ verwendet sie konsequent den „u“-Bogen, z. T. verbunden mit dem nächsten Buchstaben.
Auch wenn Henze gelegentlich mit anderen Komponist*innen gemeinsame Projekte durchführte, wie z. B. die „Jüdische Chronik“ oder „Streik bei Mannesmann“ so war die Beziehung zu Ruth Zechlin nie darauf ausgelegt, ‚gemeinsam‘ etwas zu schaffen oder zu erarbeiten. Aber da man sich kannte und schätzte, gab es kleinere Projekte, bei denen die Bitte um gegenseitige Unterstützung geäußert wurde.
- Am 27. September 1975 äußerte Henze gegenüber Zechlin den Plan, einen Liederzyklus mit dem Thema der unterdrückten Minderheiten schreiben zu wollen und suchte dazu geeignete Textvorlagen. Er fragte sie, ob sie ihm gute geeignete Gedichte zu dem Thema aus der DDR empfehlen könne. Da leider die Antwort Zechlins unbekannt ist, sind weitere Informationen zu diesem Plan, den Henze nicht umgesetzt hat, nicht vorhanden.
- Am 22. Oktober 1980 reagierte Henze auf eine Anfrage von Zechlin: Sie wollte einen Band mit zeitgenössischer Cembalomusik veröffentlichen und bat Henze um einen Beitrag. Aus Zeitmangel konnte Henze ihr kein neues Stück komponieren, doch veranlasste er, dass sie die Komposition „Eurydike“, die aus seinem Ballett „Orpheus“ hervorgegangen ist und 1981 bei Schott einzeln veröffentlicht wurde, in ihrem Sammelband nachdrucken durfte. Der Band „per il cembalo. zeitgenössische Cembalomusik“ erschien 1984 im Verlag VEB Deutscher Verlag für Musik in Leipzig. Ruth Zechlin hat alle Stücke des Bandes im Rahmen der 27. Berliner Festtage des Theaters und der Musik am 8. Oktober 1983 im Apollo-Sall der Deutschen Staatsoper aufgeführt.
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1992 entschloss sich Zechlin, 3 Briefe an HWH für Oboe Solo zu komponieren und übersandte ihm diese im Herbst 1992. Da der Brief Zechlins, mit dem sie Henze die Komposition zu schickte, bislang nicht nachgewiesen ist, ist die Veranlassung dieser Komposition unbekannt.
Henze bedankte sich mit den Worten:
Schon 1990 hatte Zechlin 3 Miniaturen für Klavier solo komponiert, die sie als einen musikalischen „Beitrag für meinen Freund Hans Werner Henze und sein Musikfest in Montepulciano“ bezeichnete."Was für eine hübsche Idee, mir diese drei Briefe zu komponieren. Ich habe die darin enthaltenen Mitteilungen mit Vergnügen gelesen. Du bist ein fleissiges Mädchen! Und immer voller Ideen und Kreativität, das ist sehr gut."
- Etwas verdrängt scheint Zechlins szenische Kammermusik „An Aphrodite“ zu sein, die sie nach eigenen Angaben für Henze zum 50. Geburtstag schrieb,2, die aber in der Korrespondenz keine Erwähnung findet.
Der Briefwechsel beginnt mit einem Brief von Ruth Zechlin am 17. April 1966. Es deutet alles darauf hin, dass dies der erste Brief zwischen den beiden war und er einer ersten persönlichen Begegnung folgte. Die Begegnung könnte anlässlich von Henzes Konzert mit dem Rundfunksinfonieorchester Leipzig am 5. April 1966 statt gefunden haben. In dem Konzert, das eigentlich bereits für den 23. Februar 1965 vorgesehen war, erklang die Kantate „Novae de infinito laudes“ und Henzes 2. Sinfonie3. Bereits am 3. April 19664 fand die Aufnahme der „Jüdischen Chronik“ statt, deren DDR-EA am 15. Februar 1966 in Leipzig erfolgt war. Mitwirkende der Aufnahme waren: Anna Barová, Alt; Vladimir Bauer, Bariton, Ekkehard Schall und Hilmar Thate, Sprecher, der Rundfunkchor und das Runfunksinfonieorchester Leipzig. Die Leitung hatte Herbert Kegel.
Es ist also davon auszugehen, dass sich Ruth Zechlin und Hans Werner Henze anlässlich dieser beiden Ereignisse in Leipzig kennen gelernt haben. Als weitere persönliche bzw. geplante Treffen sind belegt:
- Juni 1966 in Berlin: Dieses Treffen ist im ersten Brief von Zechlin erwähnt, konnte aber bisher nicht verifiziert werden. Es wird von Henze in der Antwort nicht kommentiert.
- 21. Oktober 1966 in Dresden: Konzert mit der Staatskapelle unter Leitung von Henze.
- 14. Januar 1967: Nationale EA „Der junge Lord“ in Dresden. Ein Treffen war geplant, aber Henze musste den Besuch absagen, vgl. den Brief vom 30. Dezember 1966.
- 31. Mai 1970: Konzert in der Komischen Oper, Berlin. Henze dirigierte u. a. von Leo Brouwer, Sonogramm II, Treffen in der Deutschen Akademie der Künste (DAK) (vgl. den Brief vom 2. November 1971 )
- 4. Oktober 1970: Premiere der „Undine“ an der Komischen Oper, vgl. den Brief vom 12. Januar 1971.
- 15. Oktober 1971: Konzert bei den Berliner Festtagen des Theaters und der Kunst 1971. Henze dirigierte Beethoven und Mahler; Treffen in der DAK
- 1973: X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ost-Berlin; vgl. die Nachlese im Brief vom 14. September 1973.
- 1976: Uraufführung „We come to the River“ in London (vgl. die Briefe des Jahres 1976 und die Erinnerungen von Ruth Zechlin)
- Sept 1976: ev. während der Berliner Festwochen, bei denen 1976 sehr viele Werke Henzes gespielt wurden; vgl. den Brief vom 27. Septmeber 1975.
- 1976: Im Zusammenhang mit den Aufführungen von „Voices“ am 20. November 1976 in Leipzig (Rathauskonzerte) und am 21. November in Berlin (Matinee in der komische Oper)
- um den 5. Mai 1979: ev. im Zusammenhang mit dem Konzert Henzes in Berlin und seinem Besuch bei Paul Dessau; vgl. den Brief vom 21. Mai 1978.
- 1. Dezember 1984, „nach langer Zeit“ in Berlin: UA der 7. Sinfonie Henzes; vgl. den Brief vom 4. Dezember 1984.
- 5. Mai 1990 Berlin: UA der Oper „Das verratene Meer“, vgl. den Brief vom 6. Mai 1990.
- Herbst 1990: Aufenthalt Henzes in Berlin anlässlich der Berliner Festwochen vom 1. – 30. September 1990. Ein Treffen ist bislang nicht verifiziert.
- Ende April 1992: 3. Münchner Biennale für Neues Musiktheater; vgl. den Brief vom 11. Februar 1992.
Der Briefwechsel ging von Ruth Zechlin aus und wurde auch von ihr ‚am Leben‘ gehalten: Henzes Briefe beginnen eigentlich immer mit dem Vermerk, dass ein Brief von ihr unbeantwortet vorliege (vgl. die erschlossenen Briefe). Meist geht es in den Briefen um die aktuellen Arbeiten, Aufführungen und Aufträge – weshalb es besonders zu bedauern ist, dass bisher so wenige Briefe Zechlins überliefert sind. Doch auch private Dinge (Partnerschaft, Gesundheit) werden von beiden Seiten angesprochen. Direkt nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten intensivierte sich der Briefwechsel (vgl. dazu den Abschnitt: Themen der Korrespondenz), doch in den späteren 1990-er Jahren lässt er nach, so dass es fast erstaunlich ist, dass Henze in seinem letzten Brief aus dem Jahre 2007 – mit der Nachricht von Fausto Moronis Tod – so vertraut schreibt.
Ruth Zechlin hat immer wieder betont, dass für Sie die Kenntnis der Werke Hans Werner Henzes (und Witold Lutosławski), aber auch beider Freundschaft von großer Bedeutung waren:
Hans Werner Henze hat sich dagegen, so weit dies bisher bekannt ist, selten öffentlich zu Ruth Zechlin geäußert und sie auch in seiner Autobiographie (S. 394) nur an einer Stelle im Zusammenhang mit den X. Weltfestspielen 1973 erwähnt.
Ruth Zechlin lebte seit 1950 in Berlin und war dort zuerst Dozentin, später Professorin an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Darüber hinaus war sie seit 1970 ordentliches Mitglied der Akademie der Künste (Ost). Nach eigenen Angaben hatte sie, wie bereits erwähnt, seit den 50er Jahren eine „spontane Affinität“ zu Henzes Musik, wobei sie nicht schreibt, wie sie auf Henze aufmerksam geworden ist und welche Werke Henzes sie zuerst gehört hat.6
Das erste Konzert ausschließlich mit Werken von Henze und aufgeführt unter dessen Leitung hörte sie am 26. September 1959 im Städtischen Konservatorium Westberlin.7, doch scheint es bei diesem Konzert8 keinen persönlichen Kontakt gegeben zu haben.9
So klingt denn auch die schriftliche Kontaktaufnahme Ruth Zechlins 1966 eher dienstlich: endlich gab es einen persönlichen Kontakt und sie traute sich auch, ihm eine Komposition von sich zuzuschicken, denn es ist davon auszugehen, dass Henze bis dahin keines ihrer Werke kannte, da diese noch kaum gedruckt und außerhalb der DDR nicht aufgeführt waren. Für Ruth Zechlin war diese Zeit offensichtlich der Durchbruch in ihrer Komponistenkarriere: Ihre Werke wurden ab Mitte der 1960er Jahre in der DDR regelmäßig aufgeführt und für Rundfunk und auch Schallplatte aufgenommen.
Zwischen Ende 1966 und Anfang 1971 gibt es in der Korrespondenz einen großen Sprung und die Lücke lässt sich bislang nicht füllen. Auf jeden Fall sind Zechlin und Henze ab dieser Zeit und nach persönlichen Treffen 1970 (s. o.) per ‚Du‘ und in einem deutlich vertrauteren Umgang.
Für Henze fiel in diese Zeit eine starke – nicht nur politische – persönliche Wende10, die er vielleicht am privatesten in einem Brief an Paul Sacher am 11. Oktober 1969 zusammenfasst:
Diese Veränderungen hatten starken Einfluss auf seine kompositorische Arbeit, wie Henze mehrfach gegenüber Zechlin betonte. Andererseits war Zechlin ‚befreit‘ von der Formalismusdiskussion und konnte jetzt frei ihre Kompositionsmittel wählen11
Wenn also beide ab 1970 wieder näher in Kontakt traten – ob es in den Jahren davor Kontakte gegeben hat, ist nicht bekannt – hatte sich für beide viel geändert: Ruth Zechlin war jetzt Professorin und Mitglied der Akademie der Künste und Henze auf einem neuen kompositorischen (und menschlichen) Weg. U. a. über die Akademie der Künste (Ost), der auch Henze als korrespondierendes Mitglied angehörte, ergaben sich jetzt regelmäßigere Kontakte, zumal wohl nach Konzerten in der Komischen Oper Berlin häufig in die Akademie eingeladen wurde. [siehe unten]
Höhepunkt dieses engeren Kontaktes war die Teilnahme von Ruth Zechlin an der Uraufführung von „We come to the River“ 1976 in London, zu der Henze sie offiziell eingeladen hatte.
Anschließend lockert sich die Beziehung erneut, doch schreibt Henze am 22. Oktober 1980:
Die Uraufführungen der 7. Sinfonie von Henze (1984) und der Oper „Das verratene Meer“ (1990) waren noch einmal Gelegenheiten für persönliche Treffen und anschließende, von Ruth Zechlin ausgehende Korrespondenz.
Anstöße zu schreiben waren für Zechlin dann auch ihr Umzug nach Bayern Ende 1991 und der Umzug nach Pfaffenhofen 1998. Danach haben sich nur einige Grüße zu den dicht beieinander liegenden Geburtstagen (Zechlin: 22. Juni, Henze: 1. Juli) erhalten. Persönliche Begegnungen sind seit den späteren 90er Jahren nicht mehr belegt.
Die persönliche Beziehung von Ruth Zechlin und Hans Werner Henze ist schwer zu beschreiben: Sie ging eindeutig von Ruth Zechlin aus, die damit bewusst ihren ‚Horizont‘ erweitern wollte: „Wissen Sie, ich glaube es ist erklärlich und natürlich, daß man hier Freunde sucht und braucht - - - -“12 Und irgendwie muss die Chemie zwischen diesen sehr verschiedenen Persönlichkeiten gestimmt haben, denn sonst hätte Henze wohl nicht immer wieder auf Zechlins Grüße reagiert – und zwar keineswegs gereizt, sondern zugewandt und aufrichtig anteilnehmend.
Anders als in den Korrespondenzen mit den Librettisten Auden/Kallman und Enzensberger, in denen während des Arbeitsprozesses an einem gemeinsamen Werk kontinuierlich viele Briefe gewechselt wurden und es dadurch eindeutige, und zeitlich begrenzte Schwerpunkte in den Briefen gibt, sind in dem hier vorliegenden Briefwechsel zwischen Zechlin und Henze nur schwer zentrale Themen festzuhalten.
Wie schon erwähnt, waren gemeinsam erlebte Aufführungen immer wieder ein Anstoß zur Kommunikation, doch wurde das erste Konzert Henzes nach Aufnahme der Korrespondenz am 21. Oktober 1966 in Dresden völlig von dessen Zahnschmerzen überschattet, so dass Zechlin am 15. Detember 1966 nur noch schrieb: „Aber die Musik war wunderschön!“ und dann ausdrücklich die Kantate „Being Beauteous“ lobte – ein Stück, dass sie auch in späterer Zeit zu den meistgeschätzten Werken von Henze zählte.13
Am 4. Oktober 1970 nahm Zechlin an der Premiere der „Undine“ in der Komischen Oper teil. Ihre Reaktion ist leider bislang nicht bekannt, doch auch Henze lobte die Aufführung in der Choreographie von Tom Schilling:
Das bedeutendste Ereignis war für Zechlin aber die Teilnahme an der Uraufführung von „We come to the River“ in London am 12. Juni 1976. Schon Anfang 1973 hatte Henze diese Oper erwähnt und immer wieder von der Konzeption des Werkes, das lange keinen richtigen Titel hatte, und der Arbeit daran, berichtet. Schon am 26. August 1974 hatte Zechlin geschrieben:
Es gelang Zechlin dabei zu sein – nicht selbstverständlich für eine DDR-Bürgerin, die bis dahin nur in befreundete osteuropäische Staaten gereist war. Henze schrieb ihr am 13. April 1976 eine offizielle Einladung, in der er betonte:
Wir kennen leider bisher keine direkten Berichte von Zechlin zu der Premiere, aber zehn Jahre später verfasste sie Erinnerungen, die uns in zwei Fassungen vorliegen, aus denen eindrücklich hervor geht, wie wichtig ihr diese Londoner Woche im Zusammenhang mit der Uraufführung von „We come to the River“ war.
Am letzten Tag ihres Londoner Aufenthaltes besuchte Zechlin ein Kirchenkonzert, das Henze in St. Bartholomew gab. Hauptwerk war dessen Bearbeitung von Carissimis „Jephte“, doch Zechlin war vor allem von seiner Interpretation der Motette „Jesu, meine Freude“ von Johann Sebastian Bach beeindruckt:
Schon im November 1976 haben sich Henze und Zechlin anlässlich der Aufführungen von Voices am 20. November 1976 in Leipzig (Rathaus Konzerte) und am 21. November in Berlin (Matinee komische Oper) wiedergetroffen, wie aus Henzes Bericht von den Schikanen bei der Ausreise zu ersehen ist. Zu diesen Konzerten schreibt Henze in seiner Autobiographie:
Es ist nicht bekannt, ob Zechlin das Konzert in Leipzig hörte, doch scheint es unwahrscheinlich, dass sie in Berlin trotz Verbots dabei war. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum sie sich nicht – wie eigentlich üblich – direkt zur Aufführung geäußert hat.
Zechlin betont in ihrem Brief vom 4. Dezember 1984, dass sie Henze nach langer Zeit anlässlich der Uraufführung seiner 7. Sinfonie am 1. Dezember 1984 in der Berliner Philharmonie wieder traf, wobei es auch zu dieser Zeit noch nicht selbstverständlich war14, dass sie zu einer Uraufführung nach Westberlin reisen durfte. In diesem Brief fasst sie einige Gedanken zu der Sinfonie zusammen:
Eigen-Collage als ’Brechung.’
intensive Wärme ohne Sentimentalitäten.
Riesenatem, irre Farben.
Traumhaft schöne Individualstimmen.
viel Polyphonie im Sinne Bachs: Linien
in der Klangpolsterung.
Und: genau das, was sich nur noch
im Klang mitteilen läßt – – – "
Am 5. Mai 1990 nahm Ruth Zechlin dann noch an der Uraufführung von Henzes Oper „Das verratene Meer“ in der Deutschen Oper in Berlin teil, wobei besonders der Bericht von der sehr gelungenen zweiten Aufführung, bei der die Hauptrolle von Stephanie Sundine, die bei der Premiere indisponiert war, auch gesungen werden konnte, von Bedeutung ist.
Neben diesen Konzerten mit Henzes eigenen Werken dirigierte Henze immer wieder auch Programme15, in denen keines seiner Werke erklang. Hier finden in der Korrespondenz vor allem zwei Konzerte Erwähnung:
- am 31. Mai 1970 ein Konzert in der Komischen Oper, bei dem Henze u. a. „Sonogramm II“ von Leo Brouwer dirigierte
- am 10. Oktober 1971 ein Konzert im Rahmen der Berliner Festtagen 1971, in dem er das 2. Klavierkonzert von Beethoven und die 5. Sinfonie von Gustav Mahler dirigierte.
Bei beiden Konzerten gab es anschließend einen Empfang in der DAK und am 2. November 1971 schrieb Henze, sicherlich in Reaktion auf eine Anmerkung von Zechlin:
Es lässt sich bislang nicht klären, was hier zwischen 1970 und 1971 passiert war. Doch lohnt sich an dieser Stelle ein Blick auf Henzes und Zechlins Verhältnis zur Akademie der Künste – West und Ost.16
Henze war 1960 in die Akademie der Künste (West) gewählt worden17. Er trat dort Ende 1968 gemeinsam mit Paul Dessau auf Grund der Ablehnung der Aufnahme von Mikīs Theodōrakīs und Isang Yun als korrespondierende Mitglieder aus18, war aber ab 1985 erneut dort Mitglied19. In die Deutsche Akademie der Künste (Ost) DAK wurde er direkt im Anschluss an seinen Austritt in West 1968 als korrespondierendes Mitglied gewählt20. Zechlin war seit 1970 ordentliches Mitglied der DAK 21. Sie wurde am 22. November 1986 von Siegfried Matthus als Mitglied für die Akademie der Künste (West) vorgeschlagen, aber abgelehnt22. Seit 1990 war sie Mitglied der Akademie der Künste (gesamt) und deren Vizepräsidentin bis 1993.
D. h. Henze war ab 1968 als westlicher Komponist Mitglied der Ost-Akademie und er wurde von dieser durchaus ‚gepflegt‘. So war direkt nach seiner Aufnahme eine Aufführung des Oratoriums „Das Floss der Medusa“ geplant, welche dann aber doch aus ideologischen Gründen abgelehnt wurde23 Dennoch er wurde regelmäßig zu den Konzerten der Akademie oder den Berliner Festtagen eingeladen, vielleicht auch, weil die Stimme von Ruth Zechlin in der Sektion Musik der Akademie Gewicht hatte.
Einige Spuren von Henzes Beziehung zur Akademie werden in dem Briefwechsel deutlich, doch wartet das Verhältnis insgesamt noch der Aufarbeitung. Auch die Äußerungen von Zechlin zur Wiedervereinigung der beiden Institutionen geben nur einen ersten Einblick in die Schwierigkeiten des Prozesses – genauso wie in die Schwierigkeiten der DDR-Komponist*innen beim Wechsel von der AWA (Anstalt zur Wahrung der Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte auf dem Gebiet der Musik) zur GEMA.
Aus der Korrespondenz in den 1970er Jahren haben die Briefe aus dem Jahre 1973 einen besonderen Schwerpunkt: die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, die in Ost-Berlin veranstaltet wurden. Auch an dieser politischen Groß-Veranstaltung war die Akademie der Künste beteiligt 24 und sie veröffentlichte sogar ihre Veranstaltungen während der Festspiele in einer eigenen, gedruckten Veranstaltungsübersicht. Neben Leseveranstaltungen und einer Veranstaltung zum Massenlied, an der Ruth Zechlin als offizielle Vertreterin teilnahm, war die Hauptveranstaltung eine Festveranstaltung zur sog. Manifestation von Künstlern und Schriftstellern, am 30. Juli 1973 um 21 Uhr im Friedrichstädtischen Palast, die ein großes Echo in den Medien fand. Die Vorbereitung dauerte zwei Jahre und entwickelte sich daraus eine über vierstündige Veranstaltung, deren inhaltliches Zentrum die Verlesung der Manifestation in den fünf Festivalsprachen war. In ihrem Bericht zum 25. Geburtstag der DDR aus dem Jahre 1974 erwähnt Zechlin diese Veranstaltung ausdrücklich und hebt als einen der eindrücklichsten Momente die Worte Henzes bei diesem Anlass hervor. Leider ließen sich diese bislang nicht nachweisen.
Wie nicht anders zu erwarten, enthalten die Briefe Henzes vor allem der ersten Hälfte der 1970er Jahre auch einige dezidiert politische Äußerungen wie z. B. der Brief vom 12. Januar 1973 und der vom 14. September 1973. In den wenigen bisher bekannten Briefen Zechlins ist dies – bis auf einige Äußerungen nach der Wiedervereinigung – nicht der Fall. Diese Zurückhaltung hat sicherlich politische Gründe. Nach bisheriger Kenntnis entsprechen Henzes Aussagen seinen bisher bekannten, wie sie auch in seinen Schriften deutlich werden. Bezüglich seiner Einstellung zur DDR scheint bei Henze jedoch ein Wandel zu beobachten zu sein, der vielleicht aus dem Briefwechsel mit Paul Dessau und Ruth Berghaus noch deutlicher werden wird. Nach den Weltfestspielen schreibt Henze rückblickend am 14. September 1973 (A042D27D):
Doch in seiner Autobiographie (S. 468) schreibt er nach der Teilnahme an der Trauerfeier für Paul Dessau Anfang Juli 1979 (als Zitat aus seiner „Kladde“):
- In Berlin wurden nach 1945 folgende Festivals mit z. T. sehr ähnlichen Titeln durchgeführt:
- Berliner Festwochen Berlin-West, seit 1951, jährlich
- Berliner Festtage Berlin-Ost, von 1957 bis 1990, jährlich
- Musik-Biennale Berlin-Ost, alle zwei Jahre ab 1967 im Februar/März
- Berliner Festtage des Theaters und der Musik Berlin-Ost, alle zwei Jahre im Wechsel mit der Biennale
- Bei der Akademie der Künste sind für den behandelten Zeitraum vier verschiedene Organisationen zu unterscheiden:
- 1926–1945: Preußische Akademie der Künste
- 1950–1993: Deutsche Akademie der Künste (DAK) Berlin-Ost
- 1954–1993: Akademie der Künste Berlin-West
- seit 1993: Akademie der Künste
Aufführungsdaten
Die Nachweise der Aufführungsdaten erfolgten, wenn nicht besonders angegeben, über folgende Nachschlagemittel:
- Hans Werner Henze-Stiftung: Werkverzeichnis (besonders für Uraufführungsdaten) basierend auf Henze Werkverzeichnis
- Ruth-Zechlin-Website: Werkverzeichnis
- Schott Music-Website: Aufführungsverzeichnis bei den einzelnen Werken (hier auch Folgeaufführungen belegt, doch nicht immer vollständig)
- Konzertführer Berlin-Brandenburg 1920-2012
Irmlind Capelle, im Oktober 2026
Einzelnachweise
- 1Vgl. die Einführung zur Korrespondenz mit Weil/Jockisch.
- 2Vgl. Situationen – Reflexionen, S. 33.
- 3Vgl. hierzu Fritz Hennenberg, Komponisten als Interpreten, bes. S. 248f.
- 4Diese Angabe wurde der Katalogisierung von Disccogs entnommen.
- 5Ruth Zechlin in: „Situationen-Reflexionen“, S. 43
- 6Es ist auszuschließen, dass sich Henze und Zechlin schon bei Henzes Aufenthalt in Berlin 1950–1951 getroffen haben.
- 7Vgl. den Brief vom 4. Dezember 1984.
- 8Henze erwähnt dieses Konzert in seiner Autobiographie, S. 195ff, nicht, stattdessen aber die Einstudierung der „Sonata per archi“ durch Herbert von Karajan zur Aufführung am 22.–24. Mai 1959.
- 9Auch bei Henzes längeren Aufenthalten in der Stadt 1960/1961 scheint es keinen Kontakt gegeben zu haben.
- 10Vgl. hierzu insbesondere den Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger.
- 11Vgl. hierzu Bernhard Müßgens Bericht von Zechlins Besuch in Duisburg und Münster, S. 73f.
- 12Brief vom 15. Dezemer 1966.
- 13Vgl. z. B. die Erinnerungen und den Text zu Henzes 60. Geburtstag.
- 14Zur Uraufführung eines eigenen Werkes, Hommage à PHL, allerdings bereits am 6. Dezember 1973 in West-Berlin war ihr die Ausreise verweigert worden; vgl. „Also, bestimmte Dinge ... waren einfach verboten“, Interview mit Ruth Zechlin in der „taz“, 3. Februar 1990.
- 15Vgl. hierzu den Abschnitt „Henze als Dirigent“ (Themen der Korrespondenz) in der Einführung zum Briefwechsel mit Paul Sacher.
- 16Das Archiv der Akademie der Künste ist recht detailliert erschlossen, weshalb im Folgenden zum Teil nur auf Katalogeinträge verwiesen wird. Im Rahmen der Edition konnten diese Angaben nur in Einzelfällen überprüft bzw. ergänzt werden.
- 17Vgl. das Protokoll der Wahl am 11./12. November 1959.
- 18Vgl. hierzu https://archiv.adk.de/objekt/2215212 und die Schilderung in der Autobiographie, S. 321.
- 19Vgl. https://archiv.adk.de/objekt/2212905.
- 20Die Wahl erfolgte am 27. September 1968.
- 21Vgl. die Diskussion zur Wahl am 25. März 1970; vgl. auch https://archiv.adk.de/objekt/2207357). Anlässlich des 25jährigen Bestehens der DAK hielt Ruth Zechlin ein kurze Rede, vgl. Situationen – Reflexionen, S. 80f.
- 22Vgl. https://archiv.adk.de/objekt/2213067.
- 23Vgl. https://archiv.adk.de/objekt/2207503.
- 24Vgl. die Einträge im Archiv der AdK, insbesondere die Akten mit den Signaturen: AdK-O 581 und AdK-O 3772, die für diese Edition eingesehen werden konnten.