Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 25. Oktober 1977
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[Manuskript]
00047 Marino (Roma)
25 oct 77 Liebe Ruth –
fast 1/2 jahr ist vergangen seit Du mir geschrieben hast, ich konnte nicht
antworten, wir hatten den 2. internationalen Cantiere in Montepulciano*, danach
hatte ich eine Amerika-tournée (schrecklich, öde, zum sterben, nur die
dollars waren interessant, und dringend nötig –)* einen fernsehfilm in
Köln (der belagerungszustand hatte gerade begonnen, inzwischen ist
alles schon wesentlich weiter, und die hexenjagd bei der kommunisten
und terroristen in einen topf geworfen werden, ist im vollen gang*) und
nun endlich darf ich ein wenig in Marino sein und ausruhen und
ein bläserquintett versuchen zu schreiben, aber schon nächste woche muss ich
wieder reisen, Berlin (konzert am 1. nov.)* und Paris (konzert am 6. nov.*)
dann allerdings ist wieder ruhe, und es kommt eine lange komponier-phase,
das ganze nächste jahr ist schon dafür reserviert, und auch 1979 werde ich
00047 Marino (Roma)
es freut mich zu lesen dass es mit Deiner arbeit gut geht*, ja, das ist
schön, und es ist ja das wichtigste in unseren leben. alles andere geht dann auch
gut, so scheint es mir jedenfalls. oder: alles andere muss gut gehen, damit
man komponieren kann. wenigstens nichts störendes sollte da sein –
Du fragst nach meinen neuen arbeiten: selbst auf reisen habe ich gearbeitet, habe
4. und 5. streichquartett gemacht, wurden beide in Schwetzingen im mai dieses jahres
uraufgeführt mit grossem erfolg. dann habe ich (in Stuttgart, abends, während der
inszenierung von „wir erreichen den fluss“*) eine art violinkonzert gemacht, praktisch
„doubles“ zur Chaconne von Vitali, wesg‡ weswegen das stück auch heisst „der
verdoppelte Vitalino“ es wird nächsten sommer in Salzburg von Gidon Krämer
(URSS) urgegeigt. dann habe ich noch im juni ein kammerorchesterstück ge-
macht, Variationen über die „Follia“ mit dem Titel Aria de la folía española,
was ich erstmals in St. Paul Minesota (!) vor ca. 5 wochen gehört habe.
es gefällt mir sehr. aber das sind für mich nur exerzizien damit ich
00047 Marino (Roma)
bei meiner ausreise aus Berlin hauptstadt im vorigen November* wurde ich
wieder einmal sehr unhöflich behandelt*, und stundenlang festgehalten (Fausto
wollten sie verhaften weil sein pass angeblich gefälscht war!) so werde
ich es nun wohl nicht mehr wagen. das tut mir sehr leid, aber es ist
einfach nicht einzusehen warum‡ man sich solche dinge bieten lassen soll. es
müsste doch z.b. gastdirigenten möglich sein, mit einem gefühl von normalität
und vielleicht auch mit einem papier versehen, so eine grenze zu über-
queren!? es sah aus wie eine einladung, die DDR künftig zu meiden. ein
jeder würde so verärgert sein wie ich es nun bin*.
ich hoffe es geht Dir gut, Ruth. arbeite schön und konzentriert und
freue Dich Deim schüler und Deim guten mitarbeiter!
herzlichst hans
[Umschlag, Manuskript]
D. D. R.
R. D. T.
(Germania est)
Posta Aerea
Par Avion
Prof. Ruth Zechlin
1115 Berlin – Buch
Bielckenweg 8
La Leprara
00047 Marino (Roma)
Apparat
Generalvermerk
Dem Brief liegt ein Photo von Henze als Dirigent bei, ausgeschnitten aus einem Programmheft? Der Text auf der Rückseite gehört nicht zum Bild.
Überlieferung
-
Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
Signatur: 55 Nachl 56,25Quellenbeschreibung
- Dokumenttyp: Brief
- Henze_07, helles, rauhes Papier (beschnitten?)
- 3 Blätter
- 3 beschriebene Seiten
- Abmessungen: 270x170 [mm] (HxB)
- gefaltet: 1x quer im Verhältnis 2:3, 1x längs auf DinA6
- Absätze kein Einzug und kein Abstand
Material
Umfang
Zustand
Layout
Schreibstile
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1.Handschrift, Henze, Hans Werner, Filzstift/Fineliner.
Textkonstitution
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"wesg"durchgestrichen
-
"warum""wie" durchgestrichen und ersetzt mit "warum"
Einzelstellenerläuterung
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
-
[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… 2. internationalen Cantiere in Montepulciano"Vgl. zum 2. Cantiere die Autobiographie, S. 439f. und 442–446.
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"… interessant, und dringend nötig –)"Laut Autobiographie, S. 456f., war Henze im September 1977 in Saint Paulo, Minnesota, als Gast des dortigen Kammerorchesters, das von Dennis Russel Davies geleitet wurde.
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"… werden, ist im vollen gang"Henze beschreibt hier die politische Stimmung in Köln (und Deutschland) nach der Entführung (5. September 1977) und Ermordung (18. Oktober 1977) Hanns Martin Schleyers.
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"… (konzert am 1. nov. )"Henze dirigierte am 1. November in der Berliner Philharmonie ein Konzert der Reihe „Musik des 20. Jahrhunderts“. Solisten waren Léon Spierer und Paul Crossley. Es erklangen: Rihm: „Lichtzwang“ Musik für Violine und Orchester; Fortner: Zwischenspiele aus der Oper „Bluthochzeit“; Henze: Klavierkonzert Nr. 2 (1967).
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"… Paris (konzert am 6. nov."Laut Autobiographie, S. 456f., dirigierte Henze „im ziemlichen leeren Athenée“ „Aria de la folía“ und „Compases“.
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… mit Deiner arbeit gut geht"Ruth Zechlin komponierte im Jahr 1977 als größere Werke ihr 6. Streichquartett, „An Aphrodite“ und „Begegnungen“. Gemäß Zechlins Aussage in Situationen – Reflexionen, S. 33, schrieb sie „An Aphrodite“ für Henze zum 50. Geburtstag.
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… von wir erreichen den fluss"Die Premiere dieser Inszenierung erfolgte am 28. Mai 1977. Die Musikalische Leitung hatte Dennis Russel Davies.
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… Berlin hauptstadt im vorigen November"Henze war zu Konzerten in Leipzig (20. November 1976) und Berlin (21. November 1976) in der DDR. Er dirigierte seine Voices mit Roswitha Trexler und Jochen Vogt als Solisten.; vgl. Autobiographie, S. 452, und zur Leipziger Aufführung Hennenberg, Komponisten als Interpreten, S. 251f.
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"… wieder einmal sehr unhöflich behandelt"Auch in den Akten des Arhcivs der Akademie der Künste spielen Probleme bei der Ein- oder Ausreise in die DDR ein Rolle; vgl. z. B. die Korrespondenz mit Walter Felsenstein. Siehe hierzu auch den Brief an Enzensberger vom 8. oder 9. Juli 1971.
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"… wie ich es nun bin"Vgl. hierzu die Schilderung in der Autobiographie, S. 452.
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).