Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 21. Mai 1978

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[Manuskript]

La Leprara
00047 Marino (Roma)

21 V 78 Liebe Ruth –

nur ein kurzer gruss vom krankenbett. es tut mir leid zu hören dass
Du 4 monate lang krank warst – ich hoffe es ist jetzt alles wieder gut. mit mir hat
es noch einige probleme, ich hatte in Wien einen schweren herzinfarkt, völlig unerwartet,
in der nacht vor einer ersten orchesterprobe mit dem ORF*, und die konsequenzen sind,
wie ich nun langsam lernen muss, erheblich, und betreffen meinen lebensstil, meinen
arbeitsrhythmus und meine generelle einstellung zu den fragen des lebens, z. b. bin ich
nun nicht mehr jung. ich versuche, die positiven seiten zu sehen, und z. b. will ich
morgen versuchen zu komponieren weil ich ja ein grosses ballett Orpheus (mit einem
libretto von Edward Bond) schreiben möchte. habe einen englischen assistenten, der heute
eintrifft und der mit dem schreiben der partitur helfen muss. vielleicht wird es so
gehen.

würde Dir abraten eine oper zu schrieben, ohne ein theater zu wissen das sie auf-
führen wird. auch würde ich Dir raten, mit theaterfachleuten zu sprechen (oder noch
besser: gute opernlibretti und – partituren zu lesen) auf keinen fall aber eine riesige arbeit
in eine ungeklärte situation investieren. Du hast ja, wie ich Deinem brief entnahm, so
viel schöne sachen vor Dir, und so viele aufnahmen* und aufführungen*, ich würde von da
ausgehen und mich planmässig mit einem theater verabreden. und nichts überstürzen.

hier ist frühling, ich kann ihn nur so vom weiten beobachten, darf nicht einmal
in den garten gehen, aber es wird langsam besser. alle ereignisse, auch die politischen
in diesem gemarterten land*, sind in einer gewissen ferne, auch alle meine emotionen sind
gedämpft, fast inexistent, es ist nicht schön. ob ich einmal wieder reisen werde können wie


La Leprara
00047 Marino (Roma)
früher, das weiss ich auch nicht. dirigieren scheint einstweilen ganz undenkbar. vielleicht ist
es auch sinnvoll so, die meisten gegenden kenn ich ja schon, so werde ich wohl
in zukunft nur noch pendeln zwischen Marino und London. ein besuch in Berlin? ja,
ich würde Dich gerne besuchen, und Paul Dessau – wir werden sehen. im augenblick
ist dergleichen ganz ausgeschlossen.*

ich lege Dir den kleinen plan unseres diesjährigen workshop in Montepulciano bei – da
ist auch noch nicht geklärt, ob ich überhaupt dabei sein kann*. das thema ist Spanien,
wie man deutlich sieht, alte und neue spanische musik, literatur, all das was
jetzt, nach ende des Franco-regimes, entsteht und zu blühen beginnt.

warum schickt die Akademie nicht eine delegation von kollegen?

es ist sehr lustig und interessant in Montepulciano, einem kommunistisch verwalteten ort.

Liebe Ruth, ich muss schliessen (muss schlafen gehen)
alles liebe Dir –
corraggio[sic]‡!
hans

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[Umschlag, Manuskript]


D. D. R.

rep. democratica
tedesca


Prof. Prof.
Ruth Zechlin

1115 Berlin – Buch
Bielckenweg 8


Apparat

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
    Signatur: 55 Nachl 56,26

    Quellenbeschreibung

    • Dokumenttyp: Brief
    • Material

    • Henze_07, helles, rauhes Papier
    • Umfang

    • 2 Blätter
    • 2 beschriebene Seiten
    • Abmessungen: 290x210 [mm] (HxB)
    • Zustand

    • gefaltet: 3mal quer, auf Dinlang und unten noch einmal 2 cm
    • Layout

    • Absätze kein Einzug und kein Abstand

Schreibstile

Textkonstitution

  • "corraggio"sic

Einzelstellenerläuterung

  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • "… ersten orchesterprobe mit dem ORF"Henze erlitt den Herzinfarkt in der Nacht vom 11. zum 12. April 1978; vgl. Autobiographie, S. 459f. Dort schreibt er: „[es] ereignete sich dann, was sich schon seit längerer Zeit angekündigt hatte“ und er vermerkt bereits für den Neujahrsabend 1978 einen „ersten schmerzhaften Koronaranfall“ (S. 458).
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • "… Dir, und so viele aufnahmen"Hier könnte Henze neben Rundfunkaufnahmen, die sich bisher im Einzelnen nicht nachweisen ließen, auch die Aufnahmen für die erste LP ausschließlich mit Werken von Ruth Zechlin ansprechen, die 1979 im Label Nova erschien. Sie enthält die Werke: Begegnungen, Epitaph, Pour La Flûte, Streichquartett Nr. 6 und Spektrum. 1964 war bereits eine Aufnahme von Zechlins Oratorium „Wenn der Wacholder blüht“ erschienen.
  • "… so viele aufnahmen und aufführungen"Die Aufführungen der Werke von Ruth Zechlin ließen sich im Zusammenhang dieser Edition nicht nachweisen, doch wurden ihre Werke in der DDR regelmäßig gespielt.
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • "… politischen in diesem gemarterten land"Hier spricht Henze wohl die Entführung und Ermordung Aldo Moros an.
  • "… augenblick ist dergleichen ganz ausgeschlossen."Am 5. Mai 1979 dirigierte Henze ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern in der Reihe „Musik des 20. Jahrhunderts“ mit Gidon Kremer als Solisten (Programm: „Ragtimes and Habaneras“, „Il Vitalino raddopiato“, „Aria de la folia Espanola“ für Kammerorchester und „Maenadenjagd“ aus der Oper „Die Bassariden“). Anschließend besuchte er auch Paul Dessau, wie er in der Autobiographie, S. 465 schreibt. Ob es hierbei auch zu einer Begegnung mit Ruth Zechlin kam, ließ sich bislang nicht nachweisen.
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • "… ich überhaupt dabei sein kann"Henze durfte auf ärztlichen Rat den 5. Cantiere nicht besuchen.
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • [Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
  • corraggio
    • Mut

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