Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 12. Januar 1971
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- 1971-01-06: an Sacher
- 1971-01-11: von Sacher
Folgend
- 1971-02-03: an Enzensberger
- 1971-01-18: von Barnet
[Manuskript]
La Leprara
Via del fontanile
Marino (Roma)
endlich komme ich zum schreiben (übrigens: Deinen brief vom sommer habe ich nicht
aus irgendwelchen sondern aus dem einzigen grund nicht beantwortet, weil ich
wenig zeit habe*) und danke Dir sehr. viel glück für die 3. sinfonie! ich ver-
stehe nicht mehr, wie man es wagen kann ... meine 6. ist ein monstrum ge-
worden das mich selbst verwirrt und erschreckt* – aber vielleicht gelingt es Dir doch,
in dieser schwierigen form noch einmal was zu tun. Kennst du das werk von mahler
gut? 10 jahre lang waren seine sinfonien für mich wie ein rauschgift, in allen
diesen dimensionen von schmerz und verzweiflung und dem gefühl der ohnmacht: das
habe ich aber nun energisch abgeworfen.
aber es ist ja erlaubt, seine kinder zu nennen wie man will, sinfonie, orchester-
phantasie, sozialinde oder Karl, ganz egal. hauptsache ist was man hört und
was das ausrichtet.*
seit einigen tagen scheint hier wieder die sonne, winterlich fahl aber silbern und nicht
schlecht. gehe mit den hunden im weinberg spazieren. vom 31. dez. bis zum 9. 1.
hat es in strömen geregnet, das telephon brach zusammen, man war völlig ab-
geschnitten und es passierten fürchterliche sachen weil man nicht kommunizieren
konnte. habe ein neues stück: „der langwierige weg in die wohnung der Natascha
Ungeheuer“ das wird im mai in rom uraufgeführt (der text ist von dem
gleichen Salvatore der den “versuch über schweine“ geschrieben hat) mit pearson,
und drei instrumentalgruppen. wilde sache. mein “Cimarrón“ hat mir sehr ge-
holfen. ich weiss jetzt eine menge neuer wege und freue mich auf
zukünftige sachen. geplant sind ein vaudeville (mit enzensberger) und etwas
für orchester (ein auftrag von solti) und politische lieder von denen ich
zwar schon genaue vorstellungen, aber keine texte habe, ausser einigen cubanischen,
a propos cuba: hoffe ich doch, im märz dorthin zu gehen wieder*. am 29. 1.
gibt es in wien die erste öffentliche aufführung der „medusa“, und am 12. 2.
Via del fontanile
Marino (Roma)
preguntas ensimismadas, das heisst: Zeitmasse für nach innen gerichtete Fragen.
(mein kater will unbedingt mitschreiben) bin sehr gespannt wie es tut.
ja, die undine-aufführung fand ich sehr gut*, besonders die musikalische seite hat
mich beeindruckt. es ist schön, etwas wiederzuhören, an das man so lange nicht
gedacht hat, und es so gut einstudiert zu hören und ohne gemeine striche. es
war ein wunderbarer abend für mich.
hoffentlich wird es ein gutes jahr. es gibt einander so viel zu wünschen, man
weiss gar nicht, wo anfangen. ein bisschen glücklich sein, gut arbeiten können,
fortschritte machen. und dass die u.s. army aus vietnam abrückt und dass
es frieden gibt und mehr sozialismus.
[Umschlag, Manuskript]
via aerea
D. D. R.
Germania
repubblica
democratica
Prof. Ruth Zechlin
1197 Berlin –
Johannisthal
Waldstr. 30
La Leprara
Marino (Roma)
Apparat
Überlieferung
-
Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
Signatur: 55 Nachl 56,13Quellenbeschreibung
- Dokumenttyp: Brief
- Henze_03, helles dünnes Papier
- 2 Blätter
- 2 beschriebene Seiten
- Abmessungen: 292x212 [mm] (HxB)
- gefaltet: längs, quer
Material
Umfang
Zustand
Schreibstile
-
1.Handschrift, Henze, Hans Werner, Filzstift/Fineliner (blau).
Einzelstellenerläuterung
-
"… weil ich wenig zeit habe"Diese Anmerkung lässt darauf schließen, dass Henze mit diesem Brief auf einen weiteren von Ruth Zechlin reagiert.
-
"… mich selbst verwirrt und erschreckt"Seine 6. Sinfonie schrieb Henze 1969 in und für Kuba.
-
"… hört und was das ausrichtet."Ruth Zechlin wählte später Bezeichnungen wie Emotionen für Orchester, Briefe für Orchester oder Situationen für Orchester.
-
"… märz dorthin zu gehen wieder"Dieser erneute Besuch in Kuba hat sich zerschlagen, vgl. dazu die Korrespondenzen mit Enzensberger und Barnet.
-
"… -aufführung fand ich sehr gut"Wahrscheinlich bezieht sich Henze hier auf die Premiere der „Undine“ an der Komischen Oper am 4. Oktober 1970. Choreograph: Tom Schilling. Gemäß den Angaben in Die Komische Oper, S. 216–227, war die Premiere am 4. Oktober 1970. Nach einem Dokument aus dem Walter-Felsenstein-Archiv (Nr. 2463), gab es aber auch bereits eine Aufführung am 28. Dezember 1966 im Rahmen der Wiedereröffnungswoche, vgl. die Katalogaufnahme zur Korrespondenz Felsenstein–Henze.