Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 27. September 1975
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- 1975-11-06: an Enzensberger
- 1975-10-16: von Enzensberger
[Manuskript]
00047 Marino (Roma)
Dein brief ist schon fast 8 wochen alt. ich konnte früher nicht schreiben. musste
den Fluss beenden, dieses riesige polyphone gebilde von musiktheater. bin nun seit 9 tagen auf
Creta, nah am meer, in einer lieblichen jasmindurchwobenen bläue. es gibt hier noch buchten
ohne lärm, ohne hotels, es ist still. ich schlafe oft 14-16 stunden, so wie ich in
den vergangenen monaten 14-16 stunden pro tag‡ am schreibtisch zugebracht habe. bin völlig fertig.
leider habe ich nur 14 tage zeit zum ausruhen.
complimenti für Deine arbeit! Du bist ja enorm fleissig*. und ich danke Dir sehr, dass Du
meinen namen in so erlauchter umgebung gesetzt hast! ich kann mir schon denken, wie
es manchmal langweilig sein muss, seine arbeit immer an den gleichen arten zu tun und die in-
spiration immer aus der gleichen materie zu haben. so viele strapazen! unsereins hat
da gut reden. wer weiss wann wir uns einmal wiedersehen können. ich habe keine
pläne für die DDR vor 1977, da ist vielleicht ein konzert in der staatsoper*. in West-
berlin machen sie im sept. 76 ein richtiges festival mit werken von mir, ältern und
ganz neuen, die voices, Tristan (philharmoniker) Heliogabalus, uraufführung von drei
streichquartetten, deutsche erstaufführung des Fluss in der oper*. es wäre ja sehr schön
wenn Du und auch der Matthus einiges davon hören würdet. und den Fluss sehen.
die genauen daten, die weiss ich jetzt nicht auswendig.
nun noch eine bitte, wenn es Dir nicht zu viel mühe macht: ich möchte einen
liederzyklus machen mit dem thema der unterdrückten minderheiten. dazu rechne ich
unter bestimmten rassischen minoritäten: die frauen, auch die homosexuellen. ich such
00047 Marino (Roma)
aus der DDR? es würde mir sehr gefallen, etwas dabei zu haben von dort. sieh
doch mal zu. vielleicht fällt Dir zufällig was ein oder auf. – viel lustiges kann
ich Dir sonst nicht berichten. der sommer war heiss und ich dachte zuweilen ich
würde vielleicht verrückt werden. nicht wegen der hitze, da hab ich einfach eine klima-
anlage eingebaut, sondern wegen der schweren arbeit. aber man ist doch ein stehaufding:
nach 8 tagen ruhe kommen mir schon wieder pläne in den kopf. zunächst die 3 quartetti
dann (dazwischen) instrumentierungen der wesendonk-lieder und des oratoriums Jephta von
Carissimi (ein wunderbares werk) – der oben erwähnte zyklus, zyklop, und auch
insgesamt 4 theatersachen verschiedener art. das so bis 1980. tja.*
heute abend werd ich ein glas Kretarer wein auf Dein wohl trinken, liebes ruthchen.
lass es dir gut gehn und sei brav und froh. ich wünsch Dir viel gutes –
von herzen
Dein
hans
[Umschlag, Manuskript]
D D R
Germania
repub. democratica
Posta Aerea
Par Avion [auf rotem Untergrund]
Prof. Ruth Zechlin
1115 Berlin – Buch
Bielckenweg 8
La Leprara
Marino (Roma)
Apparat
Überlieferung
-
Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
Signatur: 55 Nachl 56,23Quellenbeschreibung
- Dokumenttyp: Brief
- Henze_07, helles, rauhes Papier
- 2 Blätter
- 2 beschriebene Seiten
- Abmessungen: 290x210 [mm] (HxB)
- gefaltet: 3mal quer, einmal in der Mitte, dann aber noch 2x auf Dinlang
- Absätze kein Einzug und kein Abstand
Material
Umfang
Zustand
Layout
Schreibstile
-
1.Handschrift, Henze, Hans Werner, Filzstift/Fineliner (violett).
Textkonstitution
-
"… 27 SEPT 75"Das Datum ist einen Zentimeter auf den Rand rausgerückt.
-
"pro tag"über der Zeile hinzugefügt
Einzelstellenerläuterung
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… Du bist ja enorm fleissig"Ruth Zechlin komponierte 1975 das Orgelkonzert Nr. 1 für das Bachfest Leizpig, das Orgelkonzert Nr. 2 für die Einweihung der Orgel in der Konzerthalle „Carl Philipp Emanuel Bach“ in Frankfurt a. d. Oder, ein Cembalokonzert, „Orpheus“ für Orgel solo und Impulse für Holzbläserquartett.
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"… ein konzert in der staatsoper"Henze dirigierte dann doch bereits im November 1976 in Leipzig; vgl. dazu den Brief vom 25. Oktober 1977.
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"… des Fluss in der oper"Dieses Henze-„Festival“ fand im Rahmen der 26. Berliner Festwochen ’76 vom 2. September bis 2. Oktober 1976 statt. Henze selbst dirigierte zwei Konzerte mit den Berliner Philharmonikern am 11. und 19. September. Die Aufführung von „Wir erreichen den Fluss“ fand am 18. September in der Deutschen Oper Berlin statt. Im Rahmen dieses Festivals wurde nur Henzes 3. Streichquartett uraufgeführt, die beiden folgenden Quartette erlebten ihre Uraufführung erst 1977 in Schwetzingen. Ausführend war in beiden Fällen das Concord String Quartet.
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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"… das so bis 1980. tja."Henze verwirklichte bis 1980 zwei Musiktheaterwerke für Montepulciano (Don Chisciotte 1976, Pollicino 1979/1980), Orpheus (1978), eine Bühnenmusik zu The Woman (1978), beide auf Texte von Edward Bond und El Rey de Harlem (1979).
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).
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[Rotation]Abschnitt, Text im Uhrzeigersinn gedreht (90°).