Letter (with Envelope) from H. W. Henze to R. Zechlin, September 14, 1973
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Context
Absolute Chronology
Preceding
- 1973-08-14: an Enzensberger
- 1973-09-01: from Zechlin
Following
- 1973-10-23: to Enzensberger
- 1973-10-21: from Zechlin
[Manuscript]
00047 Marino (Roma)
die zeit rennt (wie ich am datum sehe)
ich schreibe Dir einen gruss als antwort auf
Deinen strandkorbbrief bevor ich in die arbeit
mich stürze wie ein spinner. – ich denke noch
immer an diese berliner tage*, trotz der unbequemlichkeit
(geklaute koffer, nicht genug nachtruhe) hat es mir
ja einen grossen eindruck gemacht, die jugend
in ihrer sauberkeit und ihrem optimismus, die
vielen recherchen nach grösserer menschlichkeit,
wie gut tut das. und es hat mich so ge-
freut mit Dir durch die mark zu fahren im
auto, in einer noch integren landschaft die
vielleicht etwas karg ist, dafür aber so voller reize
ist, voller geheimnisse (erinnerungen?) für mich,
auch mochte ich dass vieles noch so aussah wie
damals als ich dort (als soldat) war, z. b. die
alten schriften auf den mietshäusern, etc. – Dir
wird es ja seltsam vorkommen dass ich das sage,
aber die DDR ist doch ein wunderbares land in
dem sich eine nationale integrität erhalten
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00047 Marino (Roma)
haben aber es hat seine grossen werte, von
denen i‡hr alle zeugt, gerade da wo es un-
bewusst ist. ich wollte Dir auch noch einmal
sehr danken dass Du mich spät nachts noch
nach haus kutschiert hast, enorme entfernungen
zurücklegend.
ich bin noch nicht an der Londoner oper sondern
immer noch an Tristan diesem stück für klavier,
tonbänder und orchester es wird ja doch wohl
hoffentlich noch irgendwann mal fertig. es ist
zu heiss zum arbeiten gewesen bisher. sehr
ermüdend.
habe inzwischen in London ein platten-album
mit meist früheren werken “eingespielt“ für die
DECCA*, auch dort herrschte tragische hitze, und
es war ein bisschen anstrengend deshalb. aber sehr
gute spieler! ungeheuerlich gut hörend und in
der intonation atemberaubend, neue massstäbe
setzend. dann hatte ich für 2 wochen ein
englisches bühnenbildner-ehepaar (Timothy und
Tazeena O’Brian) im haus, um die “Bassariden“
auszuarbeiten*. kunststück, dass ich nicht zum
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00047 Marino (Roma)
post, sodass alles in ordnung ist, und morgen
dann beginne ich mit frischem mut. und
systematik.
was sonst? ich kann nicht von Allende
sprechen (Gastón Salvatore’s onkel übrigens)* es
ist ein drama so gross wie der marsch auf
Rom*, wie Franco-Spanien. ich habe angst
dass ein bürgerkrieg ausbrechen wird, vielleicht ist
er schon ausgebrochen. es kommen ja keine nach-
richten mehr durch. wir hörten noch dass mit
kanonen auf die arbeiter geschossen wird. und
dass ein teil der armee der unidad Popular
treu geblieben ist. aber ich kann nicht kapieren
oder ausmessen, auch ein grund jetzt zu
arbeiten, wie bei einer flucht.
ich hoffe dass in Buch alles gut geht und die
arbeit doll vonstatten. was macht das ostinate
„g“ auf der skizze?*
hoffentlich hast du Dich gut erholt. ich hätte auch
gern eine kleine ferie. es müsste eigentlich sein.
vielleicht nehme ich mir eine, wenn “Tristan“ fertig
ist – ich habe formprobleme, das ist es. ein
00047 Marino (Roma)
dergleichen kann passieren
ich muss brav sein
+ geduld haben
wir müssen alle brav sein und geduld haben.
in Rimini oder wo sonst an der Adria
ist das meer so dreckig dass man nicht
mehr hineinkann. als ersatz gibt es 280
fäll von Cholera dort. (in Bari)
vielleicht doch besser im strandkorb an der ostsee?
Ciao
hans
[Envelope, Manuscript]
D. D. R.
(R. D. T.)
Posta Aerea
Par avion
La Leprara
00047 Marino (Roma)
Editorial
Tradition
-
Text Source: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
Shelf mark: 55 Nachl 56,19Physical Description
- Document type: Letter
- Henze_07, helles, rauhes Papier
- 4 folios
- 4 written pages
- Dimensions: 290x210 [mm] (HxW)
- gefaltet: 1mal quer, 1mal längs auf DinA6
- Absätze kein Einzug und kein Abstand
Material
Extent
Condition
Layout
Writing styles
-
1.Handwriting, Henze, Hans Werner, felt pen/fineliner (blue).
Text Constitution
-
"i""I" overwritten with "i"
Commentary
-
"… immer an diese berliner tage"Henze war Ende Juli/Anfang August 1973 bei den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973 in Ostberlin; vgl. dazu auch die kurze Beschreibung in der Autobiographie, S. 394. und die Ausführungen in der Einführung.
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"… werken eingespielt für die DECCA"Hierbei dürfte es sich um die Aufnahme von Kammermusik I-XII und In Memoriam: Die Weiße Rose handeln, die vom 20. bis 26. August in London stattfand.
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"… haus, um die Bassariden auszuarbeiten"Tazeena Firth und Timothy O’Brien waren für Kostüm bzw. Bühnenbild bei der englischen Erstaufführung der Bassariden in London verantwortlich. Die Regie führte Henze persönlich. Premiere war am 10. Oktober 1974.
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"… ( Gastón Salvatore's onkel übrigens)"Salvador Allende nahm sich nach einem Militärputsch am 11. September 1973 das Leben.
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"… wie der marsch auf Rom"Die Machtübernahme Mussolinis Ende Oktober 1922.
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"… ostinate g auf der skizze?"Hier spielt Henze auf Zechlins Orchesterwerk „Metamorphosen für Orchester“ an, zu dem Ruth Zechlin sagt: „Aber natürlich kann auch ein Einzelton zentrale Bedeutung erlangen. in meinen Metamorphosen für Orchester ist das der Ton g. Es entstanden Metamorphosen über einen Ton. Von verschiedenen Seiten wurde ich gefragt, warum ich es nicht ’Variationen’ genannt hätte. Meine Antwort: Jeder Hörer erwartet beim Begriff Variation ein Thema, und es gibt kein Thema.“; vgl. „Ruth Zechlin, Situationen – Reflexionen“, Berlin 1986, S. 61.