Letter (with Envelope) from H. W. Henze to R. Zechlin, February 11, 1974

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[Manuscript]

La Leprara
00047 Marino (Roma)

z. zt. Venezia (aber nicht Nono sagen falls er nach Berlin kommt) 11. II. 74Liebe Ruth –

Du hast recht in Deinem brief vom 28. 1., Du hast lange nicht von mir
gehört. ich hatte geglaubt, ich hätte Dir auf Deinen brief vom 21. 10. geantwortet. nun sehe
ich dass ich es nicht getan habe, ich fand ihn wieder unter einem berg unbeantworteter briefe.
ich habe schlimme dinge erlebt, erst starb mein freund John Cranko, der choreograph*, dann
mein freund der dichter W. H. Auden der für mich „Elegie“ „Bassariden“ und „Moralitäten“
geschrieben hatte, dann kam Allende, gefolgt von tausenden von jungen Chilenen, patrioten,
sozialisten. das traf mich am meisten, ganz tief im bewusstsein, und jetzt erst, nach
monaten, merke ich, dass der wirkliche todesschauer, verbunden mit ängsten und psychosen, die
einzelheiten, betreffend den grausigen tod von I. B., hervorgerufen haben. so ist ja auch
vielleicht kein wunder dass ich Dir nicht geschrieben habe (oder habe ich doch?)
jedenfalls war alles ganz furchtbar. erst langsam wird es nun besser, ich komme
mir auch reifer vor, ernster, und bereit zu weiterer musik von der ich nun vielleicht
mehr verstehe als zuvor. ich bin oft in Venedig, versteckt*, von allen «bekannten» entfernt.
habe es gut und still hier. morgen werde ich die 3. szene meiner oper anfangen, sie
heisst Privates auf deutsch so viel wie Gefreite was vielleicht ein sehr oder doch ganz
guter (ungewöhnlicher) operntitel ist. ist ja auch keine oper eigentlich. mag nichts hören und sehen
von anderen dingen, nur um diese musik will ich mich noch kümmern, habe 2 jahre zeit
dafür, brauche wahrscheinlich weniger. freue mich, bin bereit.


La Leprara
00047 Marino (Roma)

2/
zur premiére vom “Einstein“ kann ich nicht kommen*, weil ich groteskerweise kein geld habe,das leben wird immer teurer!‡
aber auch möchte ich jetzt niemand sehen und keine neuen sachen hören. vielleicht im
herbst zu einer wiederholungsaufführung, wenn ich mit meiner arbeit weiter bin. am 4. I.
habe ich in London die U.A. von „Stimmen“ dirigiert, Matthus hat eine partitur
davon, es ist ein abendfüllender liederzyklus mit instrumenten‡. hatte einen enormen erfolg, ich war sehr froh
darüber. mache damit einige aufführungen in Italien ende märz, x1)‡ dann wieder zurück zur
arbeit. soweit über mich.*

wenn ich Deine briefe lese, freue ich mich am meisten darüber dass Du arbeitest und
dass Du musizierst, letzteres ist so beneidenswert! (ich spiele wohl auch zu schlecht,
aber ausserdem gibt es einfach in Italien keine leute die spontan musizieren würden,
ganz zu schweigen von kammermusik machen)

zum klavierkonzert: die aversion gegen das instrument kann tolles erzielen hinsichtlich
eines neuen stils! lege doch alle wut auf Z. hinein, ebenfalls hohn & spott!
das würde ich machen. hoffentlich komme ich mit diesem ratschlag nicht zu spät.

sicher ist Dein alltag nicht immer lustig*, aber kontakt und verantwortung zu haben
mit und für junge menschen, das muss schön sein. ist auch nichts eigentlich zeitraubendes.
ich habe ja auch mal schüler gehabt*. man lernt viel von ihnen, schon deswegen weil
man sich klar ausdrücken muss. eines tages werde ich wieder lehren. einstweilen muss ich


La Leprara
00047 Marino (Roma)
3/
das noch zurückstecken, ich bin neuen dingen auf der spur, weiss noch nicht, wohin
sie mich führen. schon im epilog des «Tristan» fängt dies an. es ist etwas das in
die tiefen der erinnerung taucht und dort weite offene landschaften findet, ich bin glücklich
darüber. all das wird mich noch weiter von der sog. moderne abbringen, schätze ich. aber
wir sind noch auf vorstufen.*

der warschauer herbst mit 98 avantgarde-stücken, das muss was gewesen sein*!
beneide Dich nicht. höchstens dass man auf solchen industrie-messen zu der erkenntnis
kommt, dass man nichts verloren hat oder nichts versäumt. oder? – laub, das
im Warschauer herbstwind dahintreibt. tand tand ist das gebilde aus gardistenhand.
spieglein spieglein an der wand, wer ist der avançierteste im ganzen land? schneewittchen,
du dummes ding. meine versrhythmen sind nicht in ordnung. entschuldige bitte. ich schicke
Dir ein paar partituren c/o hochschule f. musik. blättre mal drin. und beim eigenen
schreiben: hau ihnen die sachen um die ohren dass es nur so donnert! zeig ihnen
wo Bartel den most holt! und was eine harke ist.

muss nun schliessen, wohl für längere zeit, weil komponierend. grüsse bitte
den Klaus deinen schüler‡* vielmals von mir.
nicht vergessen !‡

Dir alles Gute, gute arbeit, schöner vorfrühling
in Buch!
Ciao
hans

x1) mit einem‡Londoner kammerorchester spezialisiert auf moderne musik, London Sinfonietta genannt.‡

This is a reduced preview. For further information switch to the edition of the Envelope

[Envelope, Manuscript]


D. D. R.

rep. democratica di
Germania


Posta Aerea
Par avion

Prof. Ruth Zechlin

1115 Berlin – Buch

Bielckenweg 8


La Leprara
00047 Marino (Roma)

Editorial

Tradition

  • Text Source: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
    Shelf mark: 55 Nachl 56,20

    Physical Description

    • Document type: Letter
    • Material

    • Henze_07, helles, rauhes Papier
    • Extent

    • 3 folios
    • 3 written pages
    • Dimensions: 291x210 [mm] (HxW)
    • Condition

    • gefaltet: 1mal quer, 1mal längs auf DinA6
    • Layout

    • Das Papier ist quer beschrieben; Absätze kein Einzug und kein Abstand

Writing styles

Text Constitution

  • "das leben wird immer teurer!"added above
  • "mit instrumenten"added above
  • "x1)"added above
  • "deinen schüler"added above
  • "… von mir. nicht vergessen !"Diese Worte stehen links neben der Grußformel.
  • "einem""dem" crossed out and replaced with "einem"
  • "… moderne musik, London Sinfonietta genannt."Dieser Nachtrag steht auf Blatt 2 unten. Siehe dort die Gegenmarke.

Commentary

  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
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  • "… John Cranko , der choreograph"Mit John Cranko hatte Henze eine Tristan-Trilogie geplant, vgl. Autobiographie, S. 391.
  • "… oft in Venedig , versteckt"Henze besuchte in dieser Zeit häufig seinen Freund, Yoichi Ohira, in Venedig.
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • "… Einstein kann ich nicht kommen"Die Uraufführung der Oper von Paul Dessau in der Regie von Ruth Berghaus fand am 14. Februar 1974 in der Staatsoper Berlin statt.
  • "… zur arbeit. soweit über mich."Vgl. hierzu auch die Beschreibung in der Autobiographie, S. 406f.
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • "… Dein alltag nicht immer lustig"Hiermit dürfte Henze auf eine Antwort von Zechlin auf sein Lob der DDR im Brief vom 14. September 1973 reagieren.
  • "… ja auch mal schüler gehabt"Henze lehrte von 1962 bis 1967 am Mozarteum Salzburg.
  • "… wir sind noch auf vorstufen."Vgl. hierzu die weiteren Ausführungen zu der Arbeit an We come to the River im folgenden Brief.
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • "… das muss was gewesen sein"Hier muss sich Henze auf einen Bericht von Ruth Zechlin vom Warschauer Herbst 1973 beziehen.
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • "… bitte den Klaus deinen schüler"Hier könnte es sich um Klaus Zalesky handeln. Freundliche Auskunft von Claudia Paris.
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).
  • [Rotation]Section, Text turned clockwise (90°).

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