Letter (with Envelope) from H. W. Henze to R. Zechlin, October 22, 1980

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[Manuscript]

La Leprara
00047 Marino (Roma)
22. okt. 1980* Liebe Ruth,

im nebenzimmer spielt man gerade die grosse A dur klavier-‡sonate von
Schubert, damit im ohr schreibe ich Dir endlich um Dir für Deine
beiden briefe zu danken. ich schreibe kaum noch briefe (das
macht Helen für mich) sondern nur noch musik. bin tief in
der „komischen“ oper wenn auch erst am schluss der‡ zweiten szene
(insgesamt sind es sieben) es regt mich sehr auf zumal ich gleich-
zeitig das protokoll dieses vorgang in mein‡ prosa mitschreibe*. manch-
mal denke ich ich bin grössenwahnsinnig. es wird eine ganz be-
sondere musik, sie kommt aus der richtung meiner orpheus-musik und
der bratschensonate (die ich Dir schicken lasse) ist aber noch viel
einfacher und bedarf dieser einfachheit, jedenfalls anfangs, doch dann geht
es los, es werden 3-4 thematische einheiten nach art der Diabelli-
variationen
entwickelt. es dauert wahrscheinlich lange, dies stück zu schreiben,
ich sitze schon seit märz dran – allerdings bin ich auch oft unter-
brochen worden, nicht zuletzt durch die liebe und durch Montepulciano,
was mich dieses jahr einen besondern effort gekostet hat, den
entscheidenden und für mich entgültigen[sic]‡*. es ist alles sehr gut gegangen
in dem sinne dass wir keine skandale, abreisen und derg‡ streitereien
und dergleichen hatten – aber einen todesfall am letzten tag – und dass
wir unser ambitiöses projekt von der kinderoper „Pollicino“ durchge-
setzt haben, denn es war ein grosser erfolg für die kinder und
für meinen freund Gastón Fournier (hast ihn vielleicht in London gesehen)
und hat in Montepulciano die musik durchgesetzt, aber das
ganze braucht jemand anders nun mal, der versucht, jahr zu jahr mit
dem problem fertigzuwerden. dass hier hart gearbeitet wird, werden
muss, unter unangenehmen arbeitsbedingen[sic]‡ (eigentlich inakzeptablen) und


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La Leprara
00047 Marino (Roma)

ohne honorar oder verpflichtung kontraktlicher art, und dass‡ der
besser als bisher herauskriegt, für wen das ganze nun eigentlich
gemacht wird und was genau der zweck ist. es ist mir
am schluss selbst nicht mehr ganz klar gewesen. aber ich denke,
die zukunft von Montepulciano liegt in der kinderwelt und in
der didaktik, und ich bin auch dabei, meine vermutlichen nach-
folger in dieser richtung zu beeinflussen. es ist eine grosse last
damit von meinen alternden schultern genommen. ich habe sie
mir selbst abgenommen, niemand und nichts konnte mich bei dieser
entscheidung beeinflussen. so kommt es aber, dass ich mich nun
ganz der komposition und dem nebenfach kompositionslehre widmen
kann – ich unterrichte seit oktober‡ m‡eine neue‡ klasse in Köln* –
und dass ich durch die damit entstandene innere ruhe nun auch
endlich mein handwerk mit der ganzen musse zu‡ verrichten kann‡ die
ja eigentlich von haus aus dazugehört. es ist ein angenehmer
zustand, der nur durch die erschütterung darüber was in dieser welt
vor sich geht, andauernd mehr als in frage gestellt wird. aber
es kommt dann auch der wunsch, sich zu dieser welt so zu verhalten
dass sie einem nichts mehr‡ anhaben kann, dass nur alles so eben noch
funktionieren, dass ich nicht aufhören muss‡ zu schreiben. denn damit wäre mein
grösstes vergnügen (und so ziemlich‡ mein einziges) mir entzogen, und ich würde
mich vielleicht langweilen. obwohl ich auch da nicht so sicher bin. ich
möchte gern mal Frankreich und Spanien kennenlernen, von deren kultur
ich viel zu wenig weiss. aber die erfahrung lehrt dass ich auch in
den ferien arbeiten muss, ich halte es höchtens 3-4 tage aus, dann
muss ich schreiben, weil ich mich nicht zurechtfinde, weil ich an den
häuslichen herd zurückkehren möchte. und so weiter.

ich kann deshalb Dir die gelegenheitskomposition nicht machen (die
Schubert Sonate ist eben aus) aber ich lasse Dir die cembalo-


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La Leprara
00047 Marino (Roma)

stücke schicken, die unter dem titel Eurydike aus dem
ballett orpheus hervorgegangen sind‡ (worin Eurydike durch
das cembalo darge‡ vorgestellt wird) und werde Schott sagen
dass ich gern möchte dass es Dein verlag nachdruckte (falls
Du mit diesem kompromiss einverstanden bist.) mehr kann ich
ihm[sic]‡ augenblick nicht leisten*. meine arbeit ist sowieso immer
noch mit terminschwierigkeiten verbunden. ich möchte in zukunft auch
überhaupt keine ablieferungstermine mehr‡ haben.

darf ich Dich bitten, Mathus[sic]‡ zu grüssen und ihm vielleicht sogar
diesen brief zu zeigen? ich komme so selten zum schreiben, dabei
möchte ich so gern besonders‡ mit kollegen öfter zusammensein.
es wäre
schön, von ihm zu hören.

Dein arbeitstempo kommt mir wahnsinnig vor. kannst Du nicht
langsam schreiben? wie machst Du das bloss? und dazu noch
so viele unterrichtsstunden!* ja es ist blöd dass ich nie mehr nach
Berlin komme, auch in Westberlin war ich schon seit urzeiten nicht,
es hat sich alles nach Italien konzentriert. ich werde in zukunft
auch ein wenig aktiver im römischen musikleben wirken, was mich
interessiert und unterhält*. es gibt eben mit dem grossen fernen Berlin
nicht mehr so viel künstlerischen kontakt wie früher. ich denke oft an
Paul Dessau. sein bild steht in meinem arbeitszimmer.*

bitte liebe Ruth wenn ich so selten von mir hören lasse, nimm
es mir nicht übel, ich denke Du verstehst – sei versichert dass
ich oft an unsere gespräche denke, besonders an die bei der
ohnehin unvergesslichen autofahrt, im morgengrauen durch die Mark, 1974*.
arbeite gut, d. h. ruhig, lass Dir zeit. mach’s gut.

mach’s gut
herzlichst
hans

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[Envelope, Manuscript]



R. D. T.

D. D. R.

Frau Prof. Ruth Zechlin
1115 Berlin – Buch
Bielckenweg 8


La Leprara
00047 Marino (Roma)

Editorial

Tradition

  • Text Source: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Nachlass Zechlin
    Shelf mark: 55 Nachl 56,28

    Physical Description

    • Document type: Letter
    • Material

    • Henze_07, dickes Papier
    • Extent

    • 3 folios
    • 3 written pages
    • Dimensions: 297x211 [mm] (HxW)
    • Layout

    • Rand links: 3 cm; Die Farbe wird auf der zweiten seite deutlich blasser, aber dann wieder sehr kräftig; gefaltet: 2x quer und noch einmal 2cm extra auf Dinlang

Writing styles

Text Constitution

  • "klavier-"added above
  • "r""s" overwritten with "r"
  • "mein"crossed out
  • "entgültigen"sic
  • "und derg"crossed out
  • "arbeitsbedingen"sic
  • "dass"crossed out
  • "seit oktober""jetzt" crossed out and replaced with "seit oktober"
  • "m"crossed out
  • "neue""frischgebackene" crossed out and replaced with "neue", handwritten, ballpoint pen (blue)
  • "zu"crossed out
  • "kann"added above
  • "mehr"added above, handwritten, ballpoint pen (blue)
  • "aufhören muss"added below
  • "so ziemlich"added below
  • "sind""ist" crossed out and replaced with "sind"
  • "darge"crossed out
  • "ihm"sic
  • "mehr"added above
  • "Mathus"sic
  • "besonders"added below

Commentary

  • "… 22. okt. 1980"Auf Grund der Erwähnung, dass nebenan Klavier gespielt wird, muss dieser Brief, geschrieben auf privatem Briefpapier, in Köln verfasst worden sein, wo Henze seit Anfang Oktober 1980 eine Professur für Komposition inne hatte.
  • "… vorgang in mein prosa mitschreibe"Zu „The English Cat“ veröffentlichte Henze ein Tagebuch.
  • "… entscheidenden und für mich entgültigen"Vgl. hierzu die Beschreibung in der Autobiographie, S. 472f.
  • "… eine neue klasse in Köln"Henze hatte von 1980 bis 1991 eine Professur für Komposition an der Hochschule für Musik in Köln inne.
  • "… ich ihm augenblick nicht leisten"Ruth Zechlin veröffentlichte 1984 den Sammelband: „Per il cembalo: zeitgenössische Cembalomusik“, in dem Henzes „Euridice“ nachgedruckt wurde.
  • "… dazu noch so viele unterrichtsstunden!"Ruth Zechlin komponierte 1980 als größere Orchesterwerke „Situationen“, „Musik“ und das „Prager Orgelkonzert“ sowie „Beschwörungen“ für Schlagzeug Solo. Bezüglich der Menge an Kompositionen ist zu beachten, dass Zechlins Kompositionen deutlich kürzer als die von Henze sind.
  • "… was mich interessiert und unterhält"Henze übernahm in dieser Zeit (bis 1983) auch die ehrenamtliche Leitung der Accademia Filarmonica in Rom; vgl. dazu die Autobiographie, S. 473.
  • "… bild steht in meinem arbeitszimmer."Paul Dessau war am 28. Juni 1979 verstorben.
  • "… durch die Mark , 1974"Hier hat sich Henze in der Jahreszahl, die allerdings auch Korrekturspuren zeigt, vertan: Die Fahrt durch die Mark Brandenburg fand 1973 statt; vgl. hierzu den Brief vom 14. September 1973.

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