Brief von R. Zechlin an H. W. Henze, 26. August 1974

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[Manuskript]

Prof.Ruth Zechlin

1115 Berlin-Johannisthal

Bielckenweg 6
Tel. 5 69 71 96


z. Zt. Vogtland
Lieber Hans,

für 10 Tage bin ich dem Trubel entronnen,
um noch einmal Kraft zu tanken für das
anstrengende nächste Studienjahr.

Deinen lieben freundschaftlichen Brief* habe
ich bei mir. Du hast mir sehr damit ge-
holfen, und ich danke Dir ganz besonders
dafür. Er erreichte mich gerade in dem
Moment, als ich über meinen „Canzoni
alla notte
“
saß, die ich nach Quasimodo-
gedichten für Bariton u. Orch. schreibe.
Wenn also in diesen Stücken hellere
und wärmere Farben zu hören sind, dann
weiß ich, wo die Ursachen dafür zu
suchen sind – – –

Du kannst beruhigt sein – ich habe mich
wieder „in Griff“ – und bin auch
dankbar für viele Dinge in meinem
Leben.

Bevor ich wegfuhr, schrieb ich noch an
einem kl. Beitrag für die Akademie
zur 100jähr. Schönbergfeier über den
„Pierrot lunaire“. Und: ich mußte
Orgelstücke für den Verlag fertig


schreiben, weil es keine Setzer mehr gibt.* –
Außerdem habe ich in Haus und Garten ge-
wirkt und verschönert – u. a. den Orgel-
raum „präpariert.“ Die Orgel wird im
Oktober eingebaut. Da müßtest du dann
wirklich bald einmal kommen! natürlich
habe ich begonnen, wieder Orgel zu üben.
Zum Glück verlernt man es nicht. Erstes
Konzert: im Oktober: 1 x Bach, 2 x ich. –
Die Hochschule muß ich mit Grandezza
nehmen: mir droht Gehörbildung – nach
x Jahren. Schwachsinn – ich habe nicht
einmal mehr Unterlagen für dieses
blöde Fach! Und das neben 4 Kompositions-
studenten und Kontrapunkt. Warten wir
auf einen neuen Rektor – – –*

Aber, Du siehst, Dein hilfreicher Zuspruch
hat bereits gewirkt: ich lasse mich
davon nicht mehr groß beeinflussen. –
Du hast ja recht: wir haben die
schönste Tätigkeit, die es geben kann
– haben dadurch unsere eigene
starke Welt – können freier leben
als die meisten Menschen – und
alles, was wir erleben, wird ge-
filtert und in Musik umgesetzt. –

Ich freue mich, daß Du so gut arbeiten
kannst und daß sich Dein Körper
einen für Dich so günstigen Rhythmus
herausgesucht hat. So kannst Du
konzentriert und entspannt


Prof.Ruth Zechlin

1115 Berlin-Johannisthal


Bielckenweg 6
Tel. 5 69 71 96


Musik schreiben. Wie bin ich gespannt
auf Deine neue Opera! Wenn es
Dir recht ist, setze‡ ich Tod und
Teufel in Bewegung, um bei der
UA in London* dabei zu sein*. Aber
das sollst Du entscheiden!

Wie waren die Bassariden-Proben
in London? Du bist gewiß schon
wieder in Rom inzwischen.

Mögest du immer gesund bleiben,
um weiter so zügig arbeiten zu
können!

Ich grüße Dich in Herzlichkeit und
Treue.Deine Ruth

Apparat

Überlieferung

  • Textzeuge: Basel (Schweiz), Paul Sacher Stiftung (CH-Bps), Sammlung Hans Werner Henze
    Signatur: Korrespondenz Ruth Zechlin

    Quellenbeschreibung

    • Dokumenttyp: Brief
    • Material

    • Briefpapier Zechlin
    • Umfang

    • 2 Blätter
    • 3 beschriebene Seiten
    • Zustand

    • gelocht
    • Layout

    • kein Einzug bei Absatz;

Schreibstile

Textkonstitution

  • "e""t" überschrieben mit "e"

Einzelstellenerläuterung

  • "… Deinen lieben freundschaftlichen Brief"Hierbei dürfte es sich um den Brief vom 27. Juli 1974 handeln.
  • "… es keine Setzer mehr gibt."Hierbei muss es sich um die Vorlagen zu „Wandlungen“ und „Spektrum“ handeln, die gemeinsam in Vervielfältigung der Handschrift der Komponistin 1975 im VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig erschienen.
  • "… neuen Rektor – – –"Rektor der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin war seit 1971 Ruth Zechlins Ex-Mann Dieter Zechlin. Er behielt diese Position noch bis 1982.
  • "… bei der UA in London"Die Uraufführung erfolgte am 12. Juli 1976 in London.
  • "… in London dabei zu sein"Vgl. hierzu den Brief vom 18. Juni 1976. Ruth Zechlin hat an der UA teilgenommen, vgl. die weiteren Briefe und ihre Erinnerung an London.

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