Letter from R. Zechlin to H. W. Henze, December 22, 1991
Settings
Show markers in text
Context
Absolute Chronology
Preceding
- 1990-05-29: to Henze
- 1986-08-03: from Henze
Following
- 1992-10-08: to Henze
- 1992-02-11: from Henze
[Manuscript]
endlich ein Brief an Dich! So lange haben wir nichts
mehr direkt voneinander gehört.
Staunst du nicht? [Figure: ] s. Absender oben!
Ja, nach 40 Jahren Ausharren haben wir nun doch
noch die sog. neuen Bundesländer verlassen. Ostberlin
ist inzwischen so kriminell geworden, daß man sich
nicht mehr frei bewegen konnte.* Und leider ist auch
die Agressivität unter den Kollegen gewachsen. Paradox:
als wir alle „in einem Boot saßen“, verstanden wir
uns blendend (oder ich wollte es so sehen?!) – –
doch nun gibt es nur noch Neid und Mißgunst.
Geblieben sind nur die Freundschaft mit meinen
Schülern (Katzer, Domhardt, Böhm, Hoyer usw.),
und mit Kollegen der benachbarten Künste.
Aber all das hat mit zu der Entscheidung beigetragen,
gen Süden zu wandern. Nun kann ich wählen
zwischen Bergen und süddeutschem Barock. Merk-
würdig, bereits als 6jähriges Kind wollte ich
nach Passau – und nun wohnen wir 20 km davon
südwestlich entfernt.
Meine Tochter, die in Berlin arbeitslos geworden
wäre, bekam hier eine Stelle als Oberärztin für Neurologie.
Sie muß zwar schwer arbeiten, ist jedoch dankbar, daß
sie so gefordert wird. Mein inzwischen 9jähriger
Enkelsohn (welcher beeindruckend malt), ist hier
restlos glücklich.
Und ich bin dabei, mir hier – mit Claudias Unter-
stützung; denn die Rente eines ord. Professors f.
Komposition aus der ehemaligen DDR beträgt
2010,- DM (!!!) – ein neues Leben aufzu-
bauen.
Es gibt verlockende Vorhaben (vor allem mit
Heiner Müller), und Du kannst Dir denken, daß
ich diese Herausforderung dankbar annehme*.
wie es mit unserer Akademie weitergeht,
steht in den Sternen, bezw. beim Westberliner
Senat und in Bonn. Am 17. 1. 92 haben wir
wieder eine gemeinsame Sitzung mit der
Westberl. Akademie. Es müssen von dort soviel
Überheblichkeit und Intoleranz abgebaut werden – – –
Das Wichtigste jedoch ist und bleibt die eigene
Arbeit. wir haben da bis jetzt unheimlich viel
Zeit und Kraft und Nerven geopfert.
Übrigens hatte ich vor 3 Wochen 2 Auff. in
Berlin. Einmal habe ich Orgel gespielt*, (was ich
jetzt wieder öfter mache), und dann habe ich
mit den guten Musikern der „Komischen Oper“
die Du auch kennst!, meine „Szenische Kammer-
musik nach Heiner Müllers Hamletmaschine“*
musiziert.
Weißt du noch, wie schön es war, als Du dort
dirigiert hast? „Antiphone“, Mahler* Mozart!
Und: weißt du noch – „Der junge Lord“, in
der excellenten Inszenierung von Herz?*
Und: weißt Du noch, die Autofahrt ins
Brandenburger Land*, als wir zu Siegfried
Matthus fuhren? Das war eine gute Zeit,
weil alles noch flexibel und phantasievoll
verlaufen konnte – – –
Es ist wunderschön, zu wissen, daß Du
so kontinuierlich und dennoch „aufwärts“
weiterarbeitest!
Natürlich hoffe ich, daß Du auch privat
beruhigt sein kannst.
Solltest Du je nach Passau oder Regens-
burg kommen, bist Du – wie schon
früher – herzlich bei mir eingeladen.
Laß es Dir ganz ganz gut gehen!
In alter Herzlichkeit
Deine Ruth
PS: Wißt Ihr übrigens, daß wir von der GEMA,
der wir z. T. als „ord. Mitglied“ angehören, kein
Altersgeld bekommen, sondern uns erst
„5 Jahre bewähren müssen!“!! – Dafür be-
kommen wir von der AWA, die sich „in Abwicklung“
befindet, 1 1/2 Jahr keine Tantieme, weil diese eben
zur „Abwicklung“ benutzt werden – – – –
Das wollte ich Dir doch noch erzählen. So geht es
den ehemaligen DDR=Komponisten – – –
Editorial
Tradition
-
Text Source: Basel (Schweiz), Paul Sacher Stiftung (CH-Bps), Sammlung Hans Werner Henze
Shelf mark: Korrespondenz Ruth ZechlinPhysical Description
- Document type: Letter
- Papier
- 1 folio
- 2 written pages
Material
Extent
Writing styles
-
1.Handwriting, Zechlin, Ruth, ballpoint pen (black).
-
2.Handwriting, Henze, Hans Werner, ballpoint pen (black).
Text Constitution
-
Following: handwritten, ballpoint pen (black), Henze, Hans Werner
-
Following: handwritten, ballpoint pen (black), Zechlin, Ruth
Commentary
-
[Stamp (square)]Prof. Ruth Zechlin
Plinganser Str. 22
W-8394 Griesbach i. R.
Tel. (08532) 3587
For more information see apparatus. -
[Figure Description]Pfeil nach links.
-
prendere questo indirizzo
- diese Adresse eingeben
-
[Figure Description]Pfeil nach rechts.
-
"… nicht mehr frei bewegen konnte."Generell wird von sehr gewaltvollen Wochen des sog. „Deutschen Herbst 1991“ gesprochen.
-
"… ich diese Herausforderung dankbar annehme"Neben der weiter unten erwähnten „Szenischen Kammermusik“ komponierte Ruth Zechlin in den Jahren 1991/1992 noch die Kammeroper „Die Reise“ auf ein Libretto von Heiner Müller, „Varianten“ und „Kanonische Umgebungen zu Heiner Müllers ‚Der glücklose Engel‘“. 1998 schrieb sie postum, wohl zu dessen 70. Geburtstag am 9. Januar 1999, „Klänge der Dankbarkeit“ für Heiner Müller.
-
"… Einmal habe ich Orgel gespielt"Ruth Zechlin spielte im Rahmen der Reihe „Musica nova sacra viii“ am 30. November 1991 in der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche im Rahmen eines Konzertes unter dem Thema „Ostdeutschland“ ihre eigenen Werke „Wider den Schlaf der Vernunft“ und „Genesis“.
-
"… musik nach Heiner Müllers Hamletmaschine"Die Uraufführung dieser Komposition fand am 1. Dezember 1991 im WABE Kulturhaus in einem Konzert mit dem Titel „Szenische Kammermusik“ statt.
-
"… dirigiert hast? Antiphone , Mahler"Vgl. hierzu den Brief vom 2. November 1971.
-
"… excellenten Inszenierung von Herz ?"Die Premiere des „jungen Lord“ an der Komischen Oper in Berlin erfolgte am 26. März 1968. Die musikalische Leitung hatte Gert Bahner.
-
"… die Autofahrt ins Brandenburger Land"Vgl. hierzu den Brief vom 22. Oktober 1980.