Ruth Zechlin, Erinnerungen an London. Für Hans Werner Henze
Erinnerungen an London.
Für Hans Werner Henze
Vor I‡0 Jahren, zu unseren 50. Geburtstagen, hast Du mich nach
London zur Weltpremiere von "We come to the river" eingeladen. –
Weil diese Tage angefüllt* und erfüllt waren, will ich versuchen,
etwas von dem Flair einzufangen und aufzuschreiben – anläßlich
unserer 60. Geburtstage.
Der erste Eindruck des Londoner Hauses: auf engstem Raum ist alles
beisammen, was notwendig und schön ist. – Mich faszinierte
Deine Fähigkeit, Deinen Lebensstil ohne jegliche Tyrannei oder
Verkrampfung durchzusetzen. So entsteht die Möglichkeit eines quasi
"offenen" Hauses, in dem Freunde und Gleichgesinnte ein-und ausgehen
können, ohne daß Du Dich in Deiner Arbeit stören lassen mußt. –
Dadurch ergeben sich wertvolle, interessante und bereichernde Be-
gegnungen.
Dieses Haus hat mehrere Funktionen. Ich erlebte Dich auch konzentriert
allein am großen "Rundtisch" arbeitend. Damals beschäftigte Dich
gerade Carissimis "Jephta". Das Stück dirigiertest Du an meinem
letzten London – Tag, zusammen mit Bachs Motette "Jesu, meine Freude",
in der Church St.u‡ Bartholomews. Es war ganz großartig. Ich hatte
Dich zwar bereits als Dirigent von Mozart und Mahler erlebt –
abgesehen von Deinen eigenen Werken – aber dieser Bach, der für mich
einfach "richtig" interpretiert war in seiner Ausgewogenheit von
Strenge und Freiheit, zeigte mir eine neue Seite von Dir.
Einmal führtest Du mich in ein "Club"-ähnliches Restaurant. Ich fühlte
mich in‡/ nicht nur in vergangene Zeiten zurückversetzt, sondern
meinte tatsächlich, mich auf einem Theaterboden zu bewegen. Du wirst
es kaum glauben können, daß gerade eine solche‡ so seltsame Umwelt
unsere intensiven Gespräche für mich bewahren hilft.
Wie umsichtig von Dir auch, daß Du mich in die Tate-Galery "s‡",
wo eben – neben den Dauerexponaten – eine große Ausstellung mit Dalis
Gemälden zu sehen war.
Es sind viele kaleidoskopähnliche Bilder, die vor mir auftauchen, wenn
ich an diese Londoner Tage denke.
Aber am wichtigsten war n‡atürlich die Konfrontation mit Deiner
Oper!
Seit den 50er Jahren gibt es bei mir eine spontane Affinität zu Deiner
Musik. Ganz gewiß liegt es an den ähnlichen Entwicklungswegen einer
gleichen Generation. – Du weißt, daß mich an Deiner Musik die meister-
hafte Handhabung aller Kompositionstechniken besticht – immer
jedoch gefiltert durch die eigene Persönlichkeit.
Drei Merkmale sind es in besonderem Maße, die ich für Deine Musik
als typisch empfinde: zum einen eine polyphone Grundveranlagung, die
geradezu seismographisch auf Nuancen reagiert. Dann eine eigene
Klangsinnlichkeit, die zu expressiven wie zart-schillernden Farben
führt. Endlich eine nicht versiegende Phantasie, die sich manifestiert
sowohl in den Grundideen als auch in der Wahl von Genre, Instrumenta =‡
ta‡tion, Form und Textur.
Du weißt auch, welche Deiner Werke mich besonders treffen und berüh-
ren:x‡. Es sind dies vor allem "Being Beautous[sic]‡", "Antifone", "El
Cimarrón", "Tristan", "Compases para preguntas ensimismadas"(!),
die momentan letzte (7.) Sinfonie, "Undine", "Der junge Lord",
die "Elegie der jungen Liebenden" und "We come to the river".–
Bei der Uraufführung dieser Oper in London erlebte ich besonders
einleuchtend die szenische Komponente, die – durch Deine Partitur
vorgegeben – alle musikalichen Strukturen sinnlich verdeutlicht.
Schon die Idee der 3 Orchester ist faszinierend, und Du hast als
Dein eigener – wie ich finde – besterrx‡ Regisseur diesen
Gedanken logisch auf die Bühne übertragen. Es ergeben sich so fast
irreal-wirkende Ensemble-Collagen, die ich nie vergessen werde. –
Weißt Du, daß mir besonders die "Irrenszene" "unter die Haut" ging?
Bereits die Kostüm-und Haarfarben sowie die Holzszenerie, die Dein
Bruder Jürgen entworfen hat, stimmen ein in eine Welt der Zwischen-
töne. Was Dir dazu eingefallen ist, halte ich für äußerst bedeutsam:
die Irren intonieren zuerst madrigalähnliche Vokalsätze, um dann zu
Blockflöten zu greifen, denen sie rührend-anmutende Kleinstfloskeln
entlocken, die sich zu einer unbeschreibbaren Klangfläche zusammen-
schließen.
Aber das weißt Du ja alles besser als ich – ich wollte Dir lediglich
zeigen, wie unvergeßlich mir dieses Theatererlebnis ist, welches
für mich eine‡ ähnliche "Schlüsselfunktion" besitzt wie Bergs "Wozzeck". –
Daß ich eben diese Weltpremiere miterleben konnte und auch die
Covent-Garden-Feier für Dich, war schön und gewichtig für mich. –
Dieses Jahr nun wird der Geburtstag vielleicht in einem anderen
Kunstzentrum stattfinden.
Auf jeden Fall wünsche ich Dir von ganzem Herzen Gesundheit und Kraft,
damit Du Deine nie versiegenden Ideen und vielen Pläne in äußerer
undxxx‡ Ruhe und innerer Spannung in bester Verfassung verwirklichen
kannst!
Deine Ruth Zechlin
Berlin-Buch, DDR,im Januar I‡986.
Editorial
Creation
–
Tradition
-
Text Source: Privatbesitz
Physical Description
- Document type: Document
- beiges Papier
- 1 folio
- 1 written page
- nicht gefaltet
- anderthalbzeilig, Absätze nicht eingerückt, keine Leerzeile; Der letzte Absatz ist, damit er noch auf die Seite passt, einzeilig notiert.
- Streichungen erfolgen mit /; Trennstriche überwiegend als = notiert
Material
Extent
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1.Typescript, Zechlin, Ruth.
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2.Handwriting, Zechlin, Ruth.
Text Constitution
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Following: Typescript, Zechlin, Ruth
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"u"crossed out
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"in"crossed out
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"solche"crossed out
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"s""S" overtyped with "s"
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"n""h" overtyped with "n"
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"ta =""=" overwritten with "ta ="
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"ta"crossed out, handwritten, Zechlin, Ruth
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":"deleted by overtyping
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"Beautous"sic
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"eine"added above, handwritten, Zechlin, Ruth
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"und"deleted by overtyping
Commentary
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"I"recte "1".
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"… – Weil diese Tage angefüllt"Ruth Zechlin war im Zusammenhang mit der Uraufführung von "We come to the river" vom 7. bis 14. Juli 1976 in London.
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"I"recte "1".
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"I"recte "1".