Ruth Zechlin, Erinnerungen. Für Hans Werner Henze
Erinnerungen.
Für Hans Werner Henze.
Vor zehn Jahren, zu unseren 50. Geburtstagen, hast Du
mich nach London zur Uraufführung von „We come
to the river“ eingladen. Es sind viele kaleidoskop-
ähnliche Bilder, die vor mir auftauchen, wenn ich an
diese Londoner Tage denke.
Ich erlebte Dich auch allein in einem Zimmer am großen
„Rundtisch“ arbeitend. Damals beschäftigte Dich
Carissimis „Jephta“. Das Stück dirigiertest Du an meinem letzten
London – Tag, zusammen mit Bachs Motette „Jesu,
meine Freude“ in der Church St.u‡ Bartholomews. Es war
ganz großartig. Ich hatte Dich zwar bereits als Dirigent
von Mozart und Mahler erlebt – abgesehen von Deinen
eigenen Werken – aber dieser Bach, der für mich einfach
„richtig“ interpretiert war in seiner Ausgewogenheit von
Strenge und Freiheit, zeigte mir eine neue Seite von Dir. –
Aber am wichtigsten war natürlich die Konfrontation
mit Deiner Oper!
Seit den 50er Jahren gibt es bei mir eine spontane
Affinität zu Deiner Musik. Ganz gewiß liegt es an
den ähnlichen Entwicklungen einer gleichen Generation.
Drei Merkmale empfinde ich als besonders typisch
für Deine Musik: eine polyphone Grundveranlagung,
die geradezu seismographisch auf Nuancen reagiert.
Dann eine eigene Klangsinnlichkeit, die zu expressiven
wie zart-schillernden Farben führt; letzten Endes
eine nicht versiegende Phantasie, die sich manifestiert
sowohl in den Grundideen als auch in der Wahl von
Genre, Instrumentation, Form und Textur.
Von Deinen Werken treffen und berühren mich
besonders „Being Beautous[sic]‡“, „Antifone“, „El
Cimarrón“, „Tristan“, „Compases para preguntas
ensimismadas“(!), die momentan letzte (7.)
Sinfonie, „Undine“, „Der junge Lord“, die „Elegie
für junge Liebende“ und „We come to the river“.–
Bei der Uraufführung erlebte ich besonders einleuchtend
die in der Partitur vorgegebene szenische Komponente, die
alle musikalichen Strukturen sinnlich verdeutlicht.
Die faszinierende Idee der drei Orchester hast Du (auch
als Dein eigener Regisseur) auf die Bühne übertragen.
Nie werde ich die sich daraus ergebenden, fast irreal
wirkenden Ensemble-Collagen vergessen, wobei mir
besonders die „Irrenszene“ „unter die Haut“ ging.
Die Irren intonieren zuerst madrigalähnliche Vokal-
sätze, um dann zu Blockflöten zu greifen, denen sie
rührend-anmutende Kleinstfloskeln entlocken,
die sich zu einer unbeschreibbaren Klangfläche
zusammenschließen.
Du weißt, wie unvergeßlich mir dieses Theater-
erlebnis ist, das ich Dank Dir, gleich wie die schöne
Covent-Garden-Feier für dich, miterleben konnte.
Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Gesundheit
und Kraft, damit Du Deine nie versiegenden
Ideen und vielen Pläne in äußerer Ruhe und
innerer Spannung in bester Verfassung ver
wirklichen kannst!
Deine Ruth Zechlin
Berlin-Buch, DDR,im Januar 1986.
Editorial
Creation
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Tradition in 2 Text Sources
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1. Text Source: bislang nicht nachgewiesen
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2. Text Source: , Erinnerungen. Für Hans Werner Henze