Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 2. November 1971
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- 1971-11-01: von Zechlin
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- 1971-12-30: von Enzensberger
[Manuskript]
Via del fontanile
Marino (Roma)
NOV
71Liebe Ruth,
vielen Dank für Deinen brief. ich antworte Dir abends, nach einem dîner
vielen menschenleeren tage[sic]‡ auf dem lande, wo man nichts zwischen
sich und der musik hat, aber wo man angst bekommt dass alle
einen vergessen – (auch weil man so oft langweilig und ungerecht
und unerträglich ist) und wollte Dir eigentlich nur für Deinen brief
danken und für Deine freundlichkeit.
beim betreten des DAK-saals, und bei der feststellung, wer alles meinem
Konzert* ferngeblieben war (u. a. viele leute die sich voriges jahr im
mai noch „überschlagen“ haben*) und auch bei den tischgesprächen nach dem
konzert, da habe ich schon so manches bemerkt, was mir nicht
gefallen kann. ABER: es hat nichts mit ideen zu tun, sondern
(vielleicht) nur mit der abwesenheit von ideen. und ich bin trotzdem
froh dass ich nicht vor der Mahler-Sinfonie* gekniffen habe, obwohl ich
3 wochen (2 wochen lernen, 1 woche proben) meiner für mein Solti-werk‡
reservierten zeit damit verloren habe. aber das erlebnis dieses harten Rauschens
und dieser rauschenden Härte, das möchte ich nun doch nicht missen. –
ich glaube, in allen jenen systemen, die von der theorie her sich des menschen
besonders annehmen sollten, gibt es viel vakuum, worin die empfindlichen
sich leicht verlieren können, und es ist kein trost da. denn die wahrheit
ist hart. und die qualifizierten leute sind knapp und wir, die verrückten
künstler, wissen nicht genug und wollen zu viel. und, ohne spas[sic]‡, keiner versteht.
es ist wie eine einladung zur absoluten egozentrik. und das, wiederum, ist
so alt! und doch wäre es vielleicht ein anfang!
herzlichst
hans
[Umschlag, Manuskript]
D. D. R.
Germania
repubblica democratica
POSTA AEREA
PAR Avion
; darauf der Rundstempel wie links daneben
Prof. Ruth Zechlin
1197 Berlin– Johannisthal
Waldstr. 30
La Leprara
Marino (Roma)
Apparat
Überlieferung
-
Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
Signatur: 55 Nachl 56,14Quellenbeschreibung
- Dokumenttyp: Brief
- Henze_05, dunkelblaues dünnes Papier
- 1 Blatt
- 1 beschriebene Seite
- Abmessungen: 298x215 [mm] (HxB)
- gefaltet: quer, längs auf DinA 6
- Absätze kein Einzug und kein Abstand; Rand links: 2,4 cm
Material
Umfang
Zustand
Layout
Schreibstile
-
1.Handschrift, Henze, Hans Werner, Füller (blau).
Textkonstitution
-
"tage"sic
-
"… proben) meiner für mein Solti-werk"Korrekturspuren im Teilwort „werk“.
-
"spas"sic
Einzelstellenerläuterung
-
"… feststellung, wer alles meinem Konzert"Henze dirigierte im Rahmen der Berliner Festtage in der Komischen Oper am 15. Oktober 1971; Details siehe weiter unten.
-
"… im mai noch überschlagen haben"Am 31. Mai 1970 dirigierte Henze in einem Konzert in der Komischen Oper Berlin das Sonogramm II von Leo Brouwer; vgl. Autobiographie S. 362.
-
"… ich nicht vor der Mahler-Sinfonie"Henze dirigierte in dem Konzert neben dem 2. Klavierkonzert von Beethoven (Solist: Bruno Leonardo Gelber) die 5. Sinfonie von Gustav Mahler; vgl. hierzu auch den Brief an Enzensberger vom 8./9. Juli 1971.