Brief (mit Umschlag) von H. W. Henze an R. Zechlin, 11. Februar 1992

Zurück

Einstellungen

Zeige Markierungen im Text

Absolute Chronologie

Vorausgehend

Folgend

[Typoskript]

Hans Werner Henze
c/o Anna d’Amelio
Via G. Pisanelli, 1
I – 00196 Roma
Tel. 06 – 32.44.639
Fax 06 – 32.44.646

Frau
Prof. Ruth Zechlin
Plingenser Strasse 22
D – 8394 Griesbach i.R.

Liebe Ruth,

ich war froh, endlich von Dir zu hören, denn ich habe Dich
mehrfach bei meinen allerdings immer sehr kurzen
Aufenthalten in Berlin vermisst. Berlin habe ich
ungeheuerlich gefunden, so sehr, dass ich gar nicht mehr
dort sein mag (wer hätte das gedacht? niemand?) und ich bin
froh zu erfahren, dass du einen so hervorragenden neuen
Wohnort gefunden hast (mit einer allerdings
stockkatholischen und erzreaktionär veranlagten Ur-
Bevölkerung) und den Nachkriegswirren entgangen bist, von
denen heutzutage das arme Berlin und die noch ärmeren
Berliner heimgesucht werden. Von den GEMA-Dingen habe ich
auch gehört (ein Glück, dass ich mich nicht zum
Aufsichtsratvorsitzenden habe machen lassen – ich wäre
sofort mit diesem Problem konfrontiert gewesen und hätte
bestimmt nicht gewusst, wie damit fertig werden und gleich
wieder zurücktreten müssen, also warum nicht gleich nein
sagen). Ich kann nur hoffen, dass so schnell wie möglich
Korrekturen und Verbesserungen stattfinden werden.

Ich schreibe dies im Urlaub (drei Wochen in Afrika!), weiss
deshalb nicht, wie es in Sachen der Akademie am Robert-Koch-
Platz weitergegangen ist. Ich war bei der Wahl nicht zugegen


2
(bekam trotzdem 64 Stimmen), habe aber gehört, Hermann Kant
sei nun auch weiterhin für den kollegialen Umgang mit uns
von der Partie – das hat mich etwas verwirrt. Es ist ja auch
so schwer geworden, durchzuschauen durch all die
Widersprüche hindurch, die Zerstörungspropaganda richtig zu
ermessen, Spreu von Weizen zu unterscheiden etc. etc. – ich
persönlich bin entsetzt und konsterniert, das kann ich nicht
anders sagen, und weiss für mich nur die Lösung, dass ich
mich fernhalten werde von Berlin, jedenfalls einstweilen,
bis das Schlimmste überstanden ist und die Leichen alle
verscharrt worden sind*.

Ausserdem ändert sich sowieso noch Einiges in meinem Leben:
habe das Unterrichten ja aufgehört*, und das ist eine
begeisternde Erfahrung und kommt, will mir scheinen, der
Arbeit sehr zugute. Ich kann nun mehr und mehr Zeit in
Marino verbringen und mich ganz auf meine Musik einrichten,
was ich auch mache, und nachdem ich den Taktstock an den
Nagel gehängt habe, bleibt das Komponieren meine einzige
könstlerische Betätigung.

Es war auch höchste Zeit, denn ich sehe nun, dass der
Arbeit Kontinuität und Ungestörtheit recht zuträglich sind,
und ich freue mich nun andauernd aufs Komponieren –
komponiere auch hier im Urlaub natürlich – und Gestalten.
Viele neue Dinge wirken auf mich ein, ich fange an, den
Bogen zu schlagen, über eine Lebenserfahrung hin, bis in die
Kindheit hinein. Die Musik ist konzentriert gesetzt, dicht,
und wird immer schöner und wesentlicher
, wie ich unumwunden
zugeben muss, ja, und auch immer persönlicher noch, frei und


3
unabhängig & selbstbewusst. Ich bin mein eigener (etwas
schwieriger) Herr, im vollen Besitz meiner geistigen Kraft
und seines umstittenen Personalstils.

Arbeite an einem aus 9 "geistlichen Konzerte" bestehenden,
Requiem genannten abendfüllenden Instrumentalwerk. 6 Teile
existieren schon, drei sind noch zu schreiben (ich fing im
Frühjahr 1990 an). 5 Teile wurdem[sic]‡ am 11. Dezember in London
unter meiner Leitung aufgeführt*, das fertige Gesamtstück hat
Ende Februar 1993 in der Kölner Philharmonie Premiere*.
Anschliessend an dieses (Kammer-) Orchesterwerk geht es dann
an eine 8. Symphonie. So viel über mich.

Im schönen Bayern wird Dir sicherlich besonders viel Musik
einfallen, zumal ja auch Du nun nicht mehr von so vielen
Dinge[sic]‡ abgelenkt bist. Ich wünsche Dir viel Glück dazu und
viel innere Ruhe, um mit den äusseren Unruhen und den vielen
doch sicher oft schrecklichen Erfahrungen mit Menschen und
ihren Hintergründen besser fertig zu werden und sie ins
kreative Potentialfeld hinüberzuretten, die beste Art und
Weise, mit den Dingen fertigzuwerden, ihre künstlerische
Sublimierung
. Das ist ja unser, der Komponierenden,
Privileg.

Wie Du sicher weisst, gibt es vom 26. 4. bis 22. 5. (oder so
ähnlich) die 3. Münchner Biennale unter meiner Leitung –
vielleicht magst Du da einmal vorbeischauen. Ich will sehen,
dass ich Dich irgendwie einladen kann, werde darüber nach
meiner Rückkehr mit meinen Leuten sprechen.*


4
Tja, sonst wäre im Moment nichts Dringliches zu vermelden.
Ich grüsse Dich bestens, liebe Ruth, und wünsche dir einen
grossartigen bayrischen Frühling voller Südlichkeit und
Föhn, dem so verwirrenden, inspirierenden süddeutschen
Mistral, gute Ideen und frischen Mut,
Dein
hans

Dies ist eine reduzierte Voransicht. Wechseln Sie für weitere Informationen zur Edition des Umschlags

[Umschlag, Typoskript]




Frau
Prof. Ruth Zechlin

Plingenser Strasse 22
D – 8394 Griesbach i.R.


Hans Werner Henze c/o Anna d’Amelio Via G. Pisanelli, 1 I – 00196 Roma

Apparat

Überlieferung

  • Textzeuge: Berlin (Deutschland), Staatsbibliothek zu Berlin. Musikabteilung (D-B), Briefsammlung Ruth Zechlin
    Signatur: 55 Nachl 56,31

    Quellenbeschreibung

    • Dokumenttyp: Brief
    • Material

    • helles Briefpapier mit Aufdruck Henze c/o d’Amelio
    • Umfang

    • 2 Blätter
    • 4 beschriebene Seiten
    • Abmessungen: 297x221 [mm] (HxB)
    • Zustand

    • gefaltet: 2mal quer auf Dinlang
    • Layout

    • anderthalbzeilig, Absätze kein Einzug, Abstand ganze Zeile; Blocksatz; Rand links: 3 cm.

Schreibstile

Textkonstitution

Einzelstellenerläuterung

  • "… Leichen alle verscharrt worden sind"Vgl. hierzu die Äußerungen zur Wiedervereinigung in der Autobiographie, S. 571f.
  • "… habe das Unterrichten ja aufgehört"Henze hatte von 1980 bis 1991 eine Kompositionsklasse an der Staatlichen Hochschule für Musik in Köln.
  • "… London unter meiner Leitung aufgeführt"Nach der Beschreibung in der Autobiographie (S. 573f.) war der Auftrag für ein Michael-Vyner-Memorial-Konzert Auslöser für die Komposition des "Requiems", weshalb der erste Satz bereits am 6. Mai 1990 in London uraufgeführt wurde.
  • "… in der Kölner Philharmonie Premiere"Die Uraufführung fand mit Ueli Wiget, Klavier, Hakan Hardenberger, Trompete, und dem Ensemble modern unter Leitung von Ingo Metzmacher am 24. Februar 1993 in Köln statt; vgl. die Beschreibung in der Autobiographie, S. 577.
  • "… Rückkehr mit meinen Leuten sprechen."Nach Marion Fürst, S. 95f., muss dieses Treffen stattgefunden haben und folgte daraus die Komposition "3 Briefe an Hans Werner Henze" von Zechlin für Henze.

        XML

        Wenn Ihnen auf dieser Seite ein Fehler oder eine Ungenauigkeit aufgefallen ist,
        so bitten wir um eine kurze Nachricht an henze-digital [@] zenmem.de.